Kirchen – eine Voraussetzung für Ethik?

Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) hat sich in Zusammenarbeit mit der Europäischen Humanistischen Föderation, deren Mitglied er ist, in letzter Zeit in intensiven Debatten und Konferenzen über die Wege zu einer Staatsbürgerlichkeit im sich vereinigenden Europa und über die Möglichkeiten einer ethischen Wertegemeinschaft der Europäischen Union mit einem integrativen Werteunterricht  verständigt und folgende wesentliche Aspekte für die weitere freigeistig-humanistische Arbeit in Deutschland und Europa herausgearbeitet:

In Deutschland existiert weiterhin ein Monopol von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften für eine konfessionelle Trennung der Schülerinnen und Schüler im Werte-Unterricht. Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) tritt für ein grundsätzlich integratives Schulcurriculum ein, in dem Schüler gemeinsam unterrichtet und nicht getrennt nach den Konfessionen der Eltern werden. Eine breite Bildung, die junge Menschen auf das Leben Erwachsener in einer pluralistischen Gesellschaft vorbereitet - unter Einbeziehung einer Erziehung in Werten und Bürgerschaftlichkeit -, und der Förderung von Denkfähigkeit und Kreativität sind Voraussetzungen für einen Wertekonsens in ganz Europa.

Um den fundamentalistischen Angriffen auf die Menschenrechte entgegenzutreten, muss sich Europa auf das Modell des säkularen Staates konzentrieren, wie es in der Aufklärung entwickelt wurde. Weiterhin wollen wir, dass alle Schulen alle Schüler aus allen Religions- und Weltanschauungsrichtungen zusammen bringen und unterrichten, so dass sie voneinander und miteinander lernen können. Da wir bezweifeln, dass konfessionelle Schulen zum sozialen Zusammenhalt beitragen oder die Rechte der Schüler voll anerkennen, wenden wir uns klar gegen Pläne der Regierung, die Zahl konfessioneller Unterrichte in öffentlichen Schulen auszuweiten.

Der DFW begrüßt sehr die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe vom 15. März 2007, dass der Pflichtunterricht in Ethik für alle Schüler in Berlin mit dem Grundgesetz übereinstimmt. Dieser Pflichtunterricht in „Ethik“ für alle ist der Weg, dem ein säkularer Staat zu folgen hat, wenn er sich auf die Integration unterschiedlicher Kulturen in die friedliche Entwicklung des Staates konzentriert. Außerdem erscheint dies ein guter Weg zu sein, um eine Übereinstimmung in europäischer Bürgerschaftlichkeit zu entwickeln. Der DFW stimmt voll den „Toledo - Leitlinien für den Unterricht über Religion und Weltanschauung an öffentlichen Schulen“ der OSCE/ODIHR zu. Diese Leitlinien müssen der Focus in der Entwicklung der europäischen Bürgerschaftlichkeit sein. Europa wird nicht überleben ohne eine Kernübereinkunft hinsichtlich der Werte, wie sie durch die Menschenrechte und die Position eines säkularen Staates beschrieben sind. Die Schulsysteme in Europa müssen dahingehend angepasst werden. Menschenrechte und nicht Konfessionen sind Voraussetzung für eine Ethik des 21. Jahrhunderts.

Humanistische und freigeistige Organisationen müssen in diese Erziehung eingebunden sein, denn ein Drittel aller Bürger Europas gehört keiner spezifischen Religion an, sondern lebt ein selbstbestimmtes und ethisch ausgerichtetes Leben. Humanisten und freigeistige Menschen müssen eine Werteerziehung fördern, die auf den Menschenrechten und der gegenseitigen Achtung aufbaut. Sie sind darauf vorbereitet, an einer solchen Erziehung mitzuwirken, um anderen dabei helfen zu erfahren, wie Menschen ohne Gott und Dogma denken und leben. Die Organisationen müssen auch darauf vorbereitet sein, freiwillige humanistische Werteerziehung zu gestalten für diejenigen, die darüber mehr wissen wollen. Deswegen fordern sie gleiche Rechte, gleiche Einbeziehung und gleiche öffentliche Unterstützung wie andere Religionen und Weltanschauungen.

Dies sind Hauptresultate, die vor allem in den Konferenzen „Ethik ohne Kirchen“ und „Ein säkulares Europa – der Weg zur europäischen Bürgerschaftlichkeit“ erarbeitet wurden.

Dr. Volker Mueller, Präsident
Horst Prem, Vizepräsident