Erklärung des DFW:

Endlich integrativer Werteunterricht in Berlin


Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V. (DFW), der bundesweit ca. 50000 frei- und nichtreligiös gebundene Mitglieder vertritt, begrüßt die Entscheidungen, auch im Bundesland Berlin einen integrativen Werteunterricht für alle Schülerinnen und Schüler einzuführen und zu entwickeln. Auch manche Inkonsequenzen in dem verfassungskonformen Brandenburger Fach "Lebensgestaltung/ Ethik/ Religionskunde" – wie die sog. Abwahlklausel – werden mit diesem zukunftsweisenden Schritt überwunden. Endlich werden die Schülerinnen und Schüler nicht mehr nach ihrer Konfession und Konfessionslosigkeit in der staatlichen Schule getrennt, sondern in einem wertevermittelnden ordentlichen Fach gemeinsam unterrichtet. Die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften können in Berlin wie bisher auch ihren bekenntnisgebundenen Unterricht freiwillig und staatlich mitfinanziert anbieten und durchführen; dazu gehören auch christlicher oder islamischer Religionsunterricht und Humanistische Lebenskunde.

Viele aktuelle Debatten und Kontroversen um diesen Werteunterricht waren und sind jedoch polemisch und zeugen von wenig Sachkenntnis. Politische, finanzielle und konfessionelle Gründe führen oft zu einseitigen Auffassungen, die der Sache selbst nicht gerecht werden.

Wir erachten es als notwendig, dass in Berlin ein schulisches Pflichtfach mit dialogischem Charakter entsteht, das die Schülerinnen und Schüler gemeinsam leben lernen lässt. Der Religions- und Ethikunterricht in anderen Bundesländern trennt die Schüler voneinander und ermöglicht die direkte und privilegierte Einflussnahme der Kirchen auf die Schule. Keine einzelne Religion oder Weltanschauung soll die Wertbindung determinieren oder die allgemeine Wahrheit bestimmen.

Dieser Werteunterricht in Berlin ist weltanschaulich neutral angelegt. Religion und Weltanschauung verbleiben in der Hoheit der entsprechenden Gemeinschaften und Kirchen. Der Staat hat unabhängig davon Sorge zu tragen, in der Schule gerade Probleme des heutigen toleranten Zusammenlebens und der Werte der Menschenrechte, Demokratie und Freiheit sowie religionskundliche und ethische Fragen erörtern zu lassen – und zwar durch alle und mit allen Heranwachsenden.

Die Erörterung von historischen und aktuellen Antworten auf Existenz- und Sinnfragen des Lebens und Überlebens, die Auseinandersetzung mit ethischen Problemen, Philosophien, Theologien und subjektiven Sinnfragen der Schüler ist nach unserer Auffassung ein wesentliches Feld der Allgemeinbildung und damit eine wichtige Aufgabe der Schule. Daher ist der Zugang zu diesem Wissen für alle Schüler zu sichern. Die staatliche Schule soll mit einem integrativen überkonfessionellen Unterrichtsangebot die Schüler darin unterstützen, ihr Leben selbstbestimmt und verantwortlich zu gestalten, und ihnen helfen, sich in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft mit ihren vielfältigen Wertvorstellungen und Sinnangeboten zunehmend eigenständig und urteilsfähig zu orientieren. Dabei sind Grundlagen für eine wertorientierte Lebensgestaltung von Wissen über philosophische Traditionen und Grundsätze ethischer Urteilsbildung sowie über Religionen und Weltanschauungen zu vermitteln.

Der Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften e. V. fördert eine Bildung, die weltanschauliche und religiöse Positionen als Teil der menschlichen Kultur begreift und die Jugend unabhängig von konfessionellen Bindungen innerhalb der Schulen zu selbstbestimmten Persönlichkeiten erzieht. Staatliche Schulen und Kirchen sollen dabei getrennt sein. Der DFW unterstützt die Einführung eines integrativen wertevermittelnden Unterrichts bzw. eines überkonfessionellen und integrativen Unterrichts, der die oben genannten Fragen behandelt, für alle Schülerinnen und Schüler.

Um den weltanschaulich-religiösen Frieden auch an den staatlichen Schulen nicht ernsthafter zu gefährden, ist dieser bildungspolitische Weg des Berliner Senats richtig. Toleranz, weltanschauliche Pluralität, kulturelle Vielfalt in den Lebensgestaltungen sind wesentliche Werte, um die Freiheit der Menschen und die Menschenrechte stabil fortzuentwickeln.


Berlin, den 19.4.2005

Dr. Volker Mueller
Präsident des DFW