Ein Bündnis für christliche Erziehung aller?

Bundesfamilienministerin auf Missionskurs


Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau Ursula von der Leyen, hat die bundesdeutsche Öffentlichkeit mit ihrem "Bündnis für Erziehung" überrascht. Es steht zweifelsfrei fest, dass es in der Gegenwart erhebliche Probleme bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen gibt und dass die Suche nach Halt, Werteorientierung und ethischer Selbstfindung der Jugend eine der wesentlichen Herausforderungen unserer Zeit darstellt. Angesichts der religiös-weltanschaulichen Situation in der Bundesrepublik Deutschland und der heutigen verschiedenen Kulturen und Lebensvorstellungen ist es jedoch völlig unverständlich, warum dieses Bündnis nur mit den beiden christlichen Großkirchen eingegangen wird.

Mit der einseitigen Ausrichtung der werteorientierenden Erziehung, die durch das sog. Bündnis getragen und gefördert werden soll, auf die christlichen Werte der Römisch-Katholischen und der Evangelischen Kirchen wird die verfassungsrechtlich garantierte religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates gebrochen. Von einer Gleichbehandlung der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften kann man gar nicht reden, das Nichtdiskriminierungsgebot wird hier verletzt. Juden, Muslime, andere Glaubensgemeinschaften werden zunächst nicht einbezogen, die Weichen werden ohne sie auf "christlicher Basis" gestellt.

Und von den nichtreligiösen Lebensanschauungen, von den freien Humanisten, Freireligiösen, Agnostikern, Freidenkern und Atheisten wird gar nicht erst gesprochen, als wenn sie nicht über 30% der bundesdeutschen Bevölkerung ausmachen würden. Auch sie haben Ethiken und freiheitlich-demokratische Wertvorstellungen. Sollen sie kirchlich missioniert werden? Dies wäre ein fataler und tragischer Rückfall in gesellschaftliche Zustände vor der Aufklärung und der Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Laizität und Menschenrechte würden hier verletzt werden. Es würde der heranwachsenden Generation gerade das Falsche vermittelt werden, nämlich dass nur einer die Wahrheit hätte, sie gepachtet habe und allgemeingültig vertreten würde. Weder Staat noch Kirche haben das Wahrheitsmonopol!

Frau von der Leyen spricht von Werten wie Respekt, Verlässlichkeit, Vertrauen und Aufrichtigkeit. Sie gelten in verschiedenen Ethiken gleichermaßen, nicht nur in christlichen Moralvorstellungen. Andere Freiheitswerte wie die der Selbstbestimmung, der Gewissens- und Geistesfreiheit und der freien Entfaltung der Persönlichkeit, überhaupt die in unserem Grundgesetz und der Europäischen Grundrechtecharta verankerten Menschenrechte, sollten viel mehr in den Vordergrund treten. Dogmatisches (religiöses und ideologisches) Denken scheint hierbei mehr hinderlich oder gar kontraproduktiv zu sein. Christliche Vorstellungen von den Rechten der Frau oder von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften haben keine gute Vorbildwirkung und stehen oftmals im Widerstreit zu den heute anerkannten Grundwerten. Unsere Kinder sind zu selbstbewussten Menschen zu befähigen und zu erziehen, die die globale und multikulturelle Lebenssituation des 21. Jahrhunderts bewältigen können. Aufklärung und Humanismus tun Not und nicht immer wieder die Mähr vom christlichen Abendland, die historisch falsch ist und desintegrierend wirkt!

Dass die christlichen Kirchen bzw. ihre beiden großen, vom Staat gut mitfinanzierten Wohlfahrtsverbände 72% der Kindergärtenplätze tragen, ist kein gutes Argument für die Dominanz der Kirchen auch in den werteerziehenden Fragen der jungen Generation. Dies, die christliche Missionsarbeit und der kirchliche Religionsunterricht an vielen Schulen haben Jugendkriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, zerrüttete Familien und Desorientierungen nicht verhindert. Wir benötigen ein Bündnis für eine integrative und dialogische Werteerziehung in Kindertagesstätten, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen für alle, unabhängig von religiöser, weltanschaulicher, kultureller und sozialer Herkunft der Kinder. Wir benötigen mehr Förderung der Erziehung in den Familien und dafür mehr praxisorientierte Jugendhilfeprojekte. Wir benötigen gesellschaftliche Rahmenbedingungen, in denen Familien und Kinder sozial sicher leben und junge Menschen mit ihren individuellen Glücksansprüchen und mit beruflichen Perspektiven aufwachsen können.

Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V. (DFW), der größte bundesdeutsche Interessenvertreter konfessionell nicht gebundener Menschen, erwartet von der Familienministerin eine sofortige Kehrtwende für ihr sog. "Bündnis für Erziehung", damit es vielleicht doch noch ein echtes Bündnis wird. Staatlich geförderten Leitlinien für eine christliche Werteerziehung erteilt der DFW eine klare Absage. Wegen der Verletzung des Nichtdiskriminierungsverbots und der Neutralität des Staates bei Bevorzugung der christlichen Kirchen behält sich der DFW vor, rechtliche und andere Schritte zu prüfen.

Der DFW fordert Frau von der Leyen auf,
- die Konzeption für ihr "Bündnis für Erziehung" umgehend zu ändern, sie für alle auf unserem Grundgesetz basierenden Ethiken zu öffnen, die Ausgrenzungsstrategie aufzugeben und die beiden christlichen Großkirchen nicht zu bevorzugen,
- die verschiedenen Träger von Werten und Wertebildungsprozessen, d.h. alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die Gewerkschaften und die freien Wohlfahrtsverbände voll in das Bündnis - bei Wahrung der Neutralitätspflicht des Staates - einzubeziehen,
- den Werten eines säkularen Humanismus und der frei- und nichtreligiösen Lebensanschauungen einen gleichberechtigten und angemessenen Platz einzuräumen.


Berlin, den 23.4.2006

Dr. Volker Mueller
Präsident des DFW