Pressedienst Ausgabe 6-2005


Ende der Diskriminierung von Weltanschauungsgemeinschaften

Das Verfassungsgericht des Landes Brandenburg hat am 15. Dezember 2005 eindeutig entschieden, dass der Ausschluss der Weltanschauungsgemeinschaften vom Recht, Bekenntnisunterricht in Schulen zu erteilen, gegen die Landesverfassung verstößt. Neben den Kirchen und Religionsgemeinschaften haben auch die Weltanschauungsgemeinschaften das gleiche Recht, einen eigenen bekenntnisgebundenen Unterricht in Schulen durchzuführen. Dies ist auch mit dem Artikel 7 Abs. 3 des Grundgesetzes vereinbar, in dem das Recht auf konfessionellen Religionsunterricht festgeschrieben ist, das wiederum aufgrund der grundsätzlichen Gleichstellung auch für Weltanschauungsgemeinschaften gilt. Das Landesverfassungsgericht stellte auch fest, dass die bisherige einseitige Privilegierung der Kirchen und Religionsgemeinschaften bei der Erteilung von Bekenntnisunterricht gegen die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates verstößt.

Der Präsident des Dachverbands Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V. (DFW), Dr. Volker Mueller, begrüßt dieses fast sensationelle und eindeutige Urteil ausdrücklich und beglückwünscht die Humanisten und Freidenker im Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg e.V. (HVBB) zu diesem wegweisenden Urteil: "Mit dieser Grundsatzentscheidung haben Rechtsstaat, religiös-weltanschauliche Pluralität, Religions- und Weltanschauungsfreiheit sowie Demokratie obsiegt. Das Verfassungsgericht beendete damit eine Diskriminierung von Vereinigungen, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zum Inhalt gemacht haben. Ich bin mir sicher, dass dieses verfassungsrechtliche Urteil auch für andere Bundesländer, ja für die gesamte Bundesrepublik Deutschland von wesentlicher Bedeutung ist bzw. sein wird."

Mit seinem Urteil hat das Brandenburgische Landesverfassungsgericht ermöglicht, dass der HVBB künftig an den Schulen des Landes Brandenburg das weltanschauliche Fach "Humanistische Lebenskunde" als Alternative zum kirchlichen Religionsunterricht anbieten darf. Hintergrund ist, dass das Verwaltungsgericht Potsdam aufgrund einer Klage des Verbandes gegen die Landesregierung wegen Nichtzulassung von "Humanistischer Lebenskunde" im Dezember 2003 festgestellt hatte, dass das Brandenburgische Schulgesetz in seinen Bestimmungen zum Religionsunterricht in § 9 gegen das "Privilegien- und Diskriminierungsverbot" der Landesverfassung verstößt und das Verfahren dem Verfassungsgericht zur abschließenden Entscheidung vorgelegt hatte. Verfahrensbevollmächtigter des Humanistischen Verbandes vor dem Gericht war der Münchner Rechtsexperte Prof. Dr. Ludwig Renck. Künftig wird es in Brandenburg – wie seit Jahren erfolgreich in Berlin – das Fach "Humanistische Lebenskunde" als Alternative zum kirchlichen Religionsunterricht geben können. Das Gericht trägt damit nicht nur der Verfassung, sondern auch der Pluralität im Land Brandenburg Rechnung, wo im Übrigen mehr als 75 Prozent der Bevölkerung keiner Religionsgemeinschaft angehören.

Das Bestreben des Humanistischen Verbandes, ein freiwilliges Unterrichtsfach Lebenskunde in Brandenburg einzuführen, steht nicht im Gegensatz zu der Unterstützung eines werteorientierenden integrativen Unterrichts für alle Schüler, wie er in dem staatlichen Schulfach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) gut realisiert wird. Lebenskunde soll z.B. auch nur in der Grundschule, eventuell in der Sekundarstufe II sowie an Schulen, wo kein LER durchgeführt wird, stattfinden. Lebenskunde ist eine Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht, nicht zu LER.

Konkordate in Hamburg?

Am 29.11.2005 hat der CDU-Senat der Freien und Hansestadt Hamburg bisher geheime Staat-Kirche-Verträge mit der Evangelischen Kirche und dem Vatikan abgeschlossen.

Die Bürgerschaft hatte keinen Einfluss und ist dazu nicht gehört worden. Sie kann später nur noch Ja oder Nein sagen. Solche Verträge sind quasi unkündbar und dürften keine Anpassungsklauseln bei weiter sinkender Zahl der Kirchenmitglieder enthalten. Vielmehr werden für die Zukunft teure weitere Zugeständnisse gemacht und zusätzliche Geldleistungen festgeschrieben. Diese Kosten tragen alle Hamburger Bürger, auch die Nicht-Kirchen-Mitglieder, die in Hamburg z.Zt. schon ca. 57 % ausmachen (32,7 % Evangelische + 10,3 % Katholische = 43 %).

Der Verband freier Weltanschauungsgemeinschaften Hamburg hat in gemeinsamer Aktion mit dem Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften, der Giordano-Bruno-Stiftung, der Humanistischen Union und dem IBKA (Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten) dem Senat und allen Bürgerschafts-Abgeordneten die Gegenargumente bereits im Frühjahr zur Verfügung gestellt und auch mit den Fraktionen von SPD und GAL diskutiert. Nur der Senat und die CDU haben sich solchen Gesprächen verschlossen.

Wir stehen für weitere Fragen und mit unserem Argumente-Katalog zur Verfügung.

ViSP: gez. Heiko Porsche (1.Vors.) gez. C.A. Bär-Hermann (2.Vors.)

Wintersonnwendfeuer im Quadrat
Freireligiöse Gemeinde Mannheim lädt ein

Am Mittwoch, den 21. Dezember 2005, um 17 Uhr findet im Lauer’schen Garten, M 6, neben dem Kurpfalz-Gymnasium, das Wintersonnwendfeuer der Freireligiösen Gemeinde Mannheim statt.

Die Wintersonnenwende ist das bedeutendste Fest des Jahreskreises für freireligiöse Menschen. Die Wintersonnenwende als der Zeitpunkt der größten Entfernung der Erde von der Sonne markiert den kürzesten Tag und die längste Nacht des Jahres. Von nun an werden die Tage unmerklich länger. Weihnachten, die "geweihten Nächte" um den Zeitpunkt der kalendarischen Wintersonnenwende, ist für die Freireligiösen die Zeit der Besinnung auf die natürlichen Grundlagen des Lebens und die daraus begründete Hoffnung auf das (Wieder-)Erstarken der "lichten" Kräfte im Leben. Mit der Besinnung auf die in der Erde schlummernde Lebenskraft, in der Freude auf die wieder länger werdenden Tage und den kommenden Frühling verbinden freireligiöse Menschen Vertrauen in den Fortbestand des Lebens. Das Sonnwendfeuer, das mit seiner hellen und lebendigen Flamme Wärme und Licht in der Kälte erfahrbar macht, bringt die freireligiöse Vorstellung von der vertrauensvollen Geborgenheit menschlichen Lebens in der Natur zum Ausdruck. Das Feuer wird entzündet als Sinnbild für Hoffnung, Freude und Lebensmut. Mit dem Feuer zur Wintersonnenwende möchten wir die Vielfalt weihnachtlichen Brauchtums direkt im Zentrum der Quadratestadt dokumentieren. Durch die Nähe zu unserem Gemeindezentrum und dem Karl-Weiß-Alten- und Pflegeheim haben auch alte Menschen, die dort wohnen, Gelegenheit, an einer solchen Feier teilzunehmen.

Seit mehr als zehn Jahren begeht die Freireligiöse Gemeinde Mannheim mit einem großen Feuer das Fest der Sommersonnenwende im Luisenpark und seit letztem Jahr das Fest der Wintersonnenwende im Lauer’schen Garten.

Nach einer kurzen Ansprache von Landespredigerin Ute Janz wird das Sonnwendfeuer mit traditionellen Flammensprüchen entzündet. Dann werden zu Gitarrenbegleitung gemeinsam stimmungsvolle Weihnachtslieder gesungen. Danach besteht die Möglichkeit, sich beim Weihnachtsbasar im Gemeindezentrum wieder aufzuwärmen. Hier kann man Weihnachtsgeschenke finden und gleichzeitig Gutes tun. Ein Teil des Erlöses wird an die Aktion "Wir wollen helfen" gespendet, ein anderer Teil geht an ein Kindergartenprojekt in Kenia.

Freireligiöse Gemeinde Mannheim

Erste Anmerkungen zum Entwurf des Berliner "Rahmenlehrplans für das neue Unterrichtsfach Ethik Klasse 7–10" vom 15. Oktober 2005

Positiv sei das Tempo der Erstellung dieses Entwurfs angemerkt. Die Ausführungen zur Bildung und Erziehung in der Sekundarstufe I (S. 1–7) sind sehr ausgewogen. Sie sind auf die Altersphase sowie Lebenswelt und Erfahrungen der Schüler abgestimmt und berücksichtigen die neue Orientierung auf das dynamische Modell der Kompetenzentwicklung. Gleichzeitig wird dort gefordert, "durch die Standards am Ende jeder Doppeljahrgangsstufe" in den Rahmenlehrplänen der Fächer jeweils deutlich zu machen, "wie die Lernenden ihre Kompetenzen erweitern und vertiefen müssen". (S. 4)

Bei der ersten und holzschnittartigen Einschätzung des fachspezifischen Teils des Rahmenlehrplanentwurfs zu Ethik ist das Fach einmal an den Beschlüssen aus den Regierungsparteien bezüglich eines neuen Faches zu Fragen der Lebensgestaltung, Werten und Kulturen in Berlin zu messen, sodann an Standards in der Rahmenlehrplanarbeit sowie an positiven Beispielen hierzu.

1. Das neue Fach in Berlin soll nach dem Willen der Berliner SPD "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde" (LER) heißen, während die Linkspartei.PDS den Namen "Werte-Kulturen-Religionen" favorisiert.

Darüber hinaus verwundert, dass stattdessen für den Rahmenlehrplan der Name "Ethik" gewählt wurde und die inhaltlichen Anforderungen an das Fach aus den konzeptionellen Papieren der Regierungsparteien so gut wie nicht berücksichtigt werden.

2. Wenngleich unbestritten ist, dass die Philosophie eine wichtige Bezugswissenschaft für das neue Fach sein soll, so ist in keiner Weise nachvollziehbar, dass in dem Entwurf eine einseitige und ausschließliche Orientierung auf die Philosophie zum Tragen kommt und die notwendigen Beiträge der Sozialwissenschaften, der Kulturwissenschaft sowie der Religionswissenschaft ausgeschlossen werden. Auch entspricht die einseitige philosophische Ausrichtung weder der Altersstufe der Schülerzielgruppe noch der vorgesehenen Geltung des Plans für Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasium. Nach den konzeptionellen Vorstellungen der Regierungsparteien soll in dem neuen Fach nicht nur ethisches, sondern auch anthropologisches, soziales und religionskundliches Wissen erworben werden. Es geht auch nicht nur um ethischen Diskurs, sondern auch um einen Diskurs zu Religionen, Weltanschauungen und Kulturen. Bei einem solchen Fachprofil sind Sozialwissenschaften, Philosophie, Kulturwissenschaften und Religionswissenschaft gleichrangige Bezugswissenschaften.

Zu Fragen der fachrelevanten Methoden: Ebenso greift eine alleinige Orientierung auf "die wichtigsten Methoden des Philosophierens" (S. 9) zu kurz und passt in ein Fach Philosophie in der Sekundarstufe II, aber nicht für Schüler der 7. – 10. Klasse, die sich dann noch zu einem erheblichen Teil in Gesamt-, Real- und Hauptschulen befinden.

3. In dem Entwurf fehlen die Angaben zu Bildungsstandards, wie sie bundesweit und auch für die Berliner Rahmenlehrpläne verlangt werden, aus denen ersichtlich wird, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten alle Schüler in diesem Fach am Ende der 8. und der 10. Klasse erreicht haben sollen. Diese Lücke steht im Widerspruch zur Forderung nach Standardorientierung bei den Grundsätzen (Punkt 1.1, S.4) im vorliegenden Entwurf.

4. Die angegebenen Kompetenzen (S. 9f.) ignorieren die neuen bundesweiten Anforderungen, die in jedem Fach eine Beschreibung jeweils zu fördernder personaler, sozialer, fachbezogener und Methodenkompetenz verlangen. Außerdem haben alle Lehrpläne der Ethikfächer in der Bundesrepublik ein viel breiteres inhaltliches Spektrum. Sie enthalten Lernfelder und Themen, die sich außer auf die Entwicklung ethischer Urteils- und Handlungsfähigkeit immer auch auf die Identitätsentwicklung, das Zusammenleben der Heranwachsenden sowie den Erwerb religionskundlicher Kenntnisse beziehen. Der vorliegende Plan betont allein die Ethik und diese noch einseitig philosophisch, so dass dieser Entwurf nicht dem Profil dieser bewährten Ethikfächer entspricht , sondern eher dem Berliner Rahmenlehrplan für das Wahlpflichtfach Philosophie Klasse 9 und 10, der vor zwei Monaten von der Senatsverwaltung im Entwurf vorgelegt worden ist.

In allen Rahmenplänen der Ethikfächer der Bundesrepublik ist die Vermittlung eines differenzierten religionskundlichen Wissens bis hin zu Grundkenntnissen zu einzelnen Religionen wie Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus obligatorisch. Weshalb auf diesen wichtigen Teil des Ethikunterrichts gerade im multikulturellen Berlin verzichtet werden soll, ist völlig unverständlich.

Dass die ausgewiesenen fachspezifischen Kompetenzen dann jeweils auf die Kardinaltugenden von Aristoteles und dem mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin bezogen werden, ist nicht logisch stringent und wirkt recht willkürlich.

5. Die Didaktischen Grundsätze (Punkt 3) bieten im Unterpunkt 3.1 eine dünne Auswahl, in der z.B. so wichtige didaktische Prinzipien wie Erfahrungsorientierung, Lebensweltbezug, Problemorientierung, Pluralität und Kontroversität fehlen. Diese werden zwar verstreut im Plan unter anderen Gliederungspunkten genannt, gehören wegen ihrer Wichtigkeit aber unbedingt zu den zentralen Didaktische Grundsätzen. Dabei sind wegen der zentralen Bedeutung für das neue Fach an allererster Stelle in der Reihenfolge die aufgeführte religiöse und weltanschauliche Neutralität und die Wertorientierung an Grundgesetz und Menschenrechten zu nennen.

Im Punkt 3.5 wird als alleinige Methode "das philosophische Gespräch" genannt. Die Ausführungen dazu legen die Frage nahe, was denn hier philosophisch ist und nicht auch in anderen Wissenschaften und Unterrichtsfächern geleistet wird. Zum anderen benötigt eine Lehrkraft, die ethisches Lernen von den altersspezifischen Entwicklungsaufgaben, Problemen und Konflikten der Kinder und Jugendlichen her initiieren will, zu deren motivierender Bearbeitung eine viel breitere Methodenpalette. Dazu gehören z.B. auch Fallanalysen, das Rollenspiel und sozialer Perspektivenwechsel, die Bearbeitung von moralischen Dilemmasituationen sowie Elemente aus Mediation und Schülerstreitschlichterprogrammen, also Methoden aus der Sozialpsychologie und Pädagogik zur Verbesserung von Kommunikation und Interaktion sowie Methoden zum interkulturellen Lernen.

6. Die ersten beiden didaktischen Perspektiven, die individuelle und gesellschaftliche, sind in der dargestellten Form wichtig. Zu fragen ist, ob die zweite Perspektive nicht eher als soziale Perspektive eingebracht werden sollte, weil sich sonst die Schnittmengen mit der politischen Bildung unnötig erhöhen würden. Die ideengeschichtliche Perspektive bietet in dem Plan ethische, philosophische und religionswissenschaftliche Aspekte zur reflexiven Bearbeitung der Themen. Diese Perspektive könnte als ethische und kulturelle Perspektive bezeichnet werden, da es für die Schüler in der Sekundarstufe I nicht um Ideengeschichte gehen kann. Letzteres wäre eine Aufgabe für die Sekundarstufe II.

7. Zu den Inhalten fällt auf, dass in diesem Punkt die Berlinspezifik und der Bezug zu gegenwärtigen Problemen und Konflikten in Schule und sozialem Umfeld zu kurz kommen. Als Beispiele seien nur genannt: Wo bleiben Fundamentalismus und Kopftuchstreit? Warum wird bei Gewalt nicht dieses Phänomen in der Schule und im sozialen Umfeld angesprochen? Warum werden bei Diskriminierung "Zigeuner" genannt, denen in Berlin kaum einer begegnet? Wie wichtig ist "platonische Liebe" gegenüber der "Frauenrolle in Kulturen"?

8. Eine einseitige "fachliche Orientierung für die Unterrichtenden" auf die Philosophie (S. 9) entspricht ebenfalls nicht den bundesweiten Standards für Ausbildung von Ethiklehrkräften, zu der auch Lehrveranstaltungen in Sozialwissenschaften und Religionswissenschaft gehören. Diese Verengung hätte negative Folgen für die Gestaltung des Unterrichts sowohl auf Seiten der Unterrichtenden als auch der Schüler.

Zusammenfassung

Der vorliegende Rahmenlehrplanentwurf für ein Fach Ethik erfüllt die konzeptionellen Vorgaben (Aufgaben, Ziele, Kerninhalte) der Berliner Regierungsparteien an ein neues wertorientierendes Fach in Berlin nicht.

Bereits bei einer ersten Durchsicht fallen folgende gravierende Mängel auf:

1. Die inhaltliche Engführung nur auf Ethik bei Ausschluss der ebenso bedeutsamen sozial-, kultur- und religionswissenschaftlichen Bezüge – auch bei der Orientierung für die Lehrerbildung.

2. Eine didaktische Engführung auf allein kognitive Teilkompetenzen bei Ignorierung gegenwärtiger bundesweiter Qualitätsanforderungen an alle Unterrichtsfächer bezüglich der Zielorientierung auf die Entwicklung personaler, sozialer, fachlicher und Methodenkompetenz. Hinzu kommt, dass die für Berlin spezifischen Erfordernisse wie Entwicklung interkultureller Kompetenz, die Wissen zu verschiedenen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen sowie interkulturelle Diskursfähigkeit erfordert, völlig außen vor gelassen werden.

3. Die für die Berliner Rahmenlehrpläne vorgegebene Aufstellung von Bildungsstandards als Mindeststandards an die Kompetenzentwicklung aller Schüler auf jeweils einer Doppeljahrgangsstufe fehlt völlig.

Peter Kriesel
Bundesvorsitzender des Fachverbandes Ethik e.V.
Vorstandsmitglied im Fachverband LER e.V.

2011 Mangroven gegen Flut und Sturm
Jugendgruppe des Humanistischen Freidenkerbundes Havelland besuchte Küstenregion Südostindiens/Hilfseinsatz für Katastrophen geplagte Dörfer

VIJAYAWADA/HAVELLAND. Der rotbraune Sand klebt an den Händen und schiebt sich unter die Fingernägel. Trotz Nieselregens ist es sehr warm, unter den Regenjacken schwitzt man schnell. Noch ein Mangrovensetzling in die Kuhle heben, Sand raufschaufeln, festtreten und weiterlaufen zum nächsten Erdloch. Die Mitglieder der diesjährigen HFH-Indienaustauschreise kamen richtig ins Schwitzen: In Basavanipalem, einem Dorf an der südostindischen Küste, das im vergangenen Jahr vom Tsunami betroffen war, pflanzte die Jugendgruppe 2011 Mangrovensetzlinge. Die Gewächse werden innerhalb weniger Wochen zu einem buschigen Strauchwerk mit starken Wurzeln heranwachsen und einen natürlichen Schutzwall vor Flutwasser und Sturm bilden.

Als die Nachricht vom verheerenden Tsunami im vergangenen Dezember die Welt erschütterte, waren viele Freidenker und ihre Familien im Havelland und von anderen befreundeten Vereinen sehr betroffen. Besondere Sorge galt unseren indischen Freunden im Atheistischen Zentrum (AZ) in Vijayawada (ca. 80 Kilometer von der Küste entfernt). Zwischen dem Zentrum im Bundesstaat Andhra Pradesh und dem HFH besteht seit 1996 ein humanistisches Jugendaustauschprogramm. Mittlerweile hat sich daraus eine tiefe Freundschaft entwickelt, die uns als eine große globale Familie fühlen lässt. Bei der Katastrophe Ende 2004 wurde zum Glück niemand aus dem Zentrum verletzt. Sofort starteten das AZ und seine Tochterorganisationen Hilfsaktionen an der Küste, um die betroffenen Menschen zu unterstützen. Bereits im Januar 2005, als HFB-Vorsitzender Volker Mueller und andere HFH-Mitglieder die World Atheist Conference in Vijayawada besuchten, konnte eine Spende von Havelländer Freidenkern und ihren Familien für die Hilfe im Tsunamigebiet übergeben werden.

Auch fast ein Jahr später gibt es an der indischen Küste immer noch genug zu tun: Das Gebiet rund um Vijayawada und der Küstenstreifen zum Golf von Bengalen sind ständig von Naturkatastrophen betroffen. Flüsse treten in der Regenzeit über die Ufer und überfluten ganze Landstriche, im Gegensatz dazu gibt es lange Dürreperioden, die wiederum durch tropische Regenstürme (Zyklone) unterbrochen werden. Erst im vergangenen September trat der Fluss Krishna im Gebiet um Vijayawada über die Ufer. Deshalb war die HFH-Austauschreise neben dem kulturell-sozialen Anspruch um einen arbeitstechnischen erweitert: Die Jugendlichen (zwischen 17 und 26 Jahren) packten und verteilten 1295 Notfall-Sets für Dörfer, die von der Krishna-Flut betroffen waren. In einer weiteren Aktion stemmten die havelländischen Freidenker knapp zwei Tonnen Reissäcke, um sie an Bedürftige aus den Flutgebieten zu verteilen. Im Tsunami-Gebiet legte die Gruppe einen Grundstein für ein Schutzhaus, das unter anderem durch HFH-Spendengelder finanziert wurde, und pflanzte den Mangrovenschutzwall.

"Uns ist natürlich klar, dass unsere Arbeitseinsätze nur klitzekleine Tropfen auf den heißen Stein sind, aber es tut gut, dass wir wenigstens ein bisschen helfen konnten", resümiert unsere HFH-Mitarbeiterin Katrin Jura, die die diesjährige Austauschreise leitete. Für weitere Aktionen durch die Hilfsorganisationen des AZ übergab die Gruppe erneut eine großzügige Geldspende von HFH-Mitgliedern, ihren Familien und Unterstützern. Mehr noch als von ihrem Arbeitseinsatz war die Reisegruppe von den betroffenen Menschen beeindruckt: "Obwohl sie soviel Leid durchstehen müssen, haben sie ihre Lebensfreude nicht verloren. Die Natur- und Heimatverbundenheit dieser liebenswürdigen Menschen bewundere ich sehr", sagte HFH-Mitglied Christin Richter nach der Begegnung mit den Dorfbewohnern und fasste damit wohl zusammen, was alle Helfer fühlten. In zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen und den Mitarbeitern des Atheistischen Zentrums wurden die Probleme des Landes deutlich und die humanistische Hilfe und der Zusammenhalt aller Völker dieser Welt unterstrichen. Die Gruppe nahm zudem an Seminaren für die "Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit" am Institut für Gandhi-Studien in Wardha (Bundesstaat Maharashtra) und in Vijayawada teil, die viele neue Aspekte eines positiven Atheismus und die Notwendigkeit humanistischer Werte verdeutlichte. Zurück in Deutschland fiel es vielen Gruppenmitgliedern zunächst schwer, sich wieder auf ihr westliches Leben mit all seinen Bequemlichkeiten einzulassen. Tina Hoffmann, die bereits zum dritten Mal die Freunde im Atheistischen Zentrum besuchte, sagte nach ihrer Rückkehr in Deutschland: "Im Moment ist mir diese unsere Welt sehr fremd und vieles kommt mir so unglaublich albern, überflüssig und oberflächlich vor. Ich hoffe, dass ich viele Eindrücke und Erlebnisse aus diesem wunderbar eindrucksvollen Land in mein ‘normales Leben’ mitnehmen und bewahren kann."

Marie Prott
Humanistischer Freidenkerbund Havelland

Ist Europa noch zu retten? Einladung zum 22. DFW-Seminar

Der DFW führt vom 27. bis 29. Januar 2006 in der Frankenakademie Schloss Schney sein 22. DFW-Seminar durch. Es wird das Thema "Ist Europa noch zu retten? – Plädoyer für eine soziale Bildungspolitik in Europa" behandelt.

Als Referenten werden u.a. angekündigt: Dr. Georges Liénard (Europäische Humanistische Föderation, Brüssel) und Peter Kriesel (Bundesverband Ethik). Horst Prem und Dr. Volker Mueller werden das Wochenendseminar leiten.