Debatte um ein verpflichtendes Wertefach in Berlin von bundesweiter Bedeutung

Anlässlich der aktuellen Diskussion um die Einführung eines Pflichtfaches "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde" (LER) bzw. "Interkulturelle Bildung" an den Schulen des Landes Berlin erklärt die Vorsitzende des Fachverbandes Werte und Normen*) in Niedersachsen e.V., Dr. Christel Hasselmann:


"Auch wenn die derzeit hitzige Debatte um einen wertebildenden, weltanschaulich neutralen Pflichtunterricht für alle Schülerinnen und Schüler im engeren Sinne eine Angelegenheit Berlins ist, so beobachten wir gleichwohl diese Auseinandersetzung mit wachsendem Interesse - lässt sich doch feststellen, dass in den anderen Bundesländern die Einrichtung eines solchen gemeinsamen Unterrichts über die Werte unserer Verfassung, (die zu einer der gerechtesten der Welt gehört), ebenso längst überfällig ist. Die unbefriedigende Situation der Werteerziehung in der Bundesrepublik krankt an der Ersatzfachkonstruktion zum Religionsunterricht.

Da die Schule ein Ort interkultureller Erfahrung ist, muss interkulturelle Bildung eine Aufgabe der Schule sein. Der Bildungsauftrag, in den Schulgesetzen aller Bundesländer aufgeführt, fordert unmissverständlich die Erziehung zum Verständnis zwischen Religionen und Kulturen. Sie ist als verfassungskonform zu bezeichnen, wenn sie sich zur Aufgabe macht, die Werte der Verfassung zugrunde zu legen.

Heranwachsende haben das natürliche Bedürfnis und ein Anrecht darauf zu erfahren, was die großen Weltreligionen und die Weltanschauungsgemeinschaften zu den Problemen, denen die Menschheit gegenübersteht, zu sagen haben. Es bleibt den heutigen Jugendlichen nicht verborgen, dass neben der eigenen Weltsicht noch andere existieren, die eine berechtigte wertschätzende Beachtung fordern. Dieses gilt es ebenso zu vermitteln wie kulturgeschichtliche Hintergründe, besonders die Gemeinsamkeiten zwischen Judentum, Christentum und Islam betreffend, um Probleme transparent und damit lösbar zu machen. Gleiches gilt auch für die Existenz eines ethischen Minimalkonsenses zwischen den Kulturen, Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften, ein Weltethos, um Dialog und Kooperation zu ermöglichen.

Es muss die Frage gestellt werden, inwieweit der von protestantischen und katholischen Vertretern beklagte christliche Traditionsabbruch nicht durch die Kirchen selbst verschuldet ist, im Wesentlichen verursacht durch jahrzehntelange Behinderung der um Verständigung bemühten sogenannten Ersatzfächer zum Religionsunterricht. Die alleinige Erziehung von Heranwachsenden getrennt nach Religionen ist eine Erziehung hin zu Parallelwelten, eine Erziehung zu einem Leben nebeneinander. Nur eine gemeinsame Erziehung von Heranwachsenden verschiedener Religionen und Kulturen ist eine Erziehung zu einem Leben miteinander. Auf ein Leben miteinander sind sie angewiesen. Darauf muss Schule vorbereiten. Wer aus eigenem Interesse dies zu torpedieren versucht, muss sich fragen lassen, welches Ziel er damit verfolgt. Religionsunterricht hat seine Berechtigung, die ihm auch nicht genommen wird.

Religionsunterricht ist aber keine Alternative zu diesem Unterricht und umgekehrt auch nicht. Von einer guten Qualität dieses neuen Unterrichtsfachs werden die Kirchen und der Religionsunterricht profitieren.
Die Grund- und Menschenrechte sind gegen den massiven Widerstand der Kirchen erstritten worden. Und vergessen wir nicht: Im Laufe ihrer Geschichte haben die Kirchen vielen Unrechtsregimes den moralischen Rückhalt geliefert. Die Werte anderer Religionen anzuerkennen war schon immer ein Problem für die Kirchen und hat in der Haltung anderen Religionen gegenüber zu nicht wieder gutzumachenden Katastrophen geführt. Davor sollte uns in Zukunft ein tieferes Verständnis bewahren. Eine staatliche schulische Erziehung muss die Aufgabe haben, jeglichen Antijudaismus, Antiislamismus und Antichristianismus zu verhindern.

Angesichts der nicht zu verdrängenden Probleme zwischen den Kulturen und Religionen erscheint deshalb ein neues Unterrichtsfach, das Verständnis für die Werte des uns verbindenden Grundgesetzes vermittelt, sinnvoll. Interkulturelle Bildung in staatlicher Verantwortung ist die Schlüsselqualifikation der Zukunft. Wir können es uns nicht leisten diese Entwicklung zu ignorieren."

*) Werte und Normen ist in Niedersachsen das Ersatzfach zum Religionsunterricht