Ein kritischer Antitrinitarier und Humanist:

Michael Servetus zum 450. Todestag

Leben, Werk und Märtyrertod von Michael Servetus (1511–1553) sind einer der Grundsteine des modernen Unitariertums. Sie repräsentieren aber auch eine entscheidende Phase im Kampf um religiöse Freiheit, um mehr Geistesfreiheit und um Menschenrechte, der in den stürmischen Jahren der Reformation begann. Als Arzt, Jurist und Religionsphilosoph entwickelte er antitrinitarische Auffassungen und wurde ein kritischer Humanist. Er entdeckte den kleinen Blutkreislauf und widmete sich intensiv den Naturwissenschaften. 1533 veröffentlichte er sein gegen den Calvinismus gerichtetes Hauptwerk „Christianismi restitutio“.

Zum Gedenken an den Todestag dieses hochgebildeten Spaniers (geboren als Miguel Servet in Villanueva de Sijena, Aragon) versammelten sich am 27. Oktober 2003 in Genf Mitglieder des Internationalen Rates der Unitarier und Universalisten (ICUU) aus Europa und USA. Vor genau 450 Jahren war Michael Servetus u.a. auf Betreiben Johann Calvins „bei kleinem Feuer“ auf dem Scheiterhaufen der Inquisition verbrannt worden. Sein „Vergehen“: Er hatte sich standhaft geweigert, das Trinitätsdogma der katholischen Kirche anzuerkennen, nachdem er beim Studium der Bibel darin keinen Hinweis auf die Trinität Gottes hatte finden können. In der Nähe der Hinrichtungsstätte errichteten Genfer Bürger vor hundert Jahren einen Stein, auf dem „der Irrtum“ eingestanden wurde. Einheimische und Gäste legen immer wieder frische Blumen oder Kränze an diesem Denkmal nieder.

Dieses Gedenken am Ort des grausamen Geschehens war Abschluss der ICUU-Veranstaltung im John Knox International Reformed Centre, Genf. Die Teilnehmer erfuhren viel über einen der berühmtesten freigeistigen Vorläufer, dessen Bedeutung auch nach 450 Jahren noch andauert. Neben drei Vorträgen beleuchteten dramatische Lesungen das Leben und Wirken von Servetus sowie die Wirren der damaligen Zeit. Reverend Dr. Elek Rezi, stellvertretender Bischof der Transsylvanischen (Siebenbürger) Unitarischen Kirche (Unitarische Kirche in Rumänien) und Dekan der Unitarischen Theologischen Fakultät in Koloszvar/Cluj/Klausenburg, sprach über das Leben des Michael Servetus und den Einfluss, den er auf Franz David ausübte. Auf Letzteren, der auch als Märtyrer starb, gehen die Anfänge unitarischer Tradition in Siebenbürgen und Ungarn zurück. Reverend Andrew Hill von der unitarischen Kirche St. Mark in Edinburgh, Schottland, ist ein führender britisch-unitarischer Historiker. Er stellte die herausfordernde These auf, dass die unitarische Tradition im Grunde John Calvin mehr verdankt als Servetus. Reverend Dr. Peter      Hughes ist Vizepräsident der Unitarisch-Universalistischen Historiker-Gesellschaft und Haupt-herausgeber des Internet-Nachschlagewerkes mit Biografien von Unitariern und Universalisten. Er sprach über die Bedeutung des Opfertodes von Servetus.

Das Leben und Sterben des Michael Servetus macht deutlich, wie wichtig, aber auch wie gefährdet die Toleranz, die religiöse Freiheit und die Menschenrechte sind, und dass wir uns um ihren Erhalt bemühen müssen – heute wie vor 450 Jahren.

Antje Paul