Zu einem Seminar der Thomas-Dehler- Stiftung in Bayern im März 2001 
(ein Leserbrief)

Droht die alteingesessene und verdienstvolle Zeitung „Nürnberger Zeit“ auf einen journalistischen lsolationskurs zu geraten? Betrachtet man den Kommentar von Rainer Kirch in der NZ vorn 9. Februar 2001 unter dem Titel: „Wenn Gotteslästerung (!) zur Mode wird“, möchte man ihn noch gerne als einen einmaligen Ausrutscher verstehen, durch den die NZ (evtl.) unabsichtlich in die Ecke einer unmodernen, ihrer Zeit nachlaufenden Publikation gedrängt wird.
„Gotteslästerung" wurde ein für allemal und das ist gut so, aus dem Juristendeutsch ausgeschieden, weil der Gegenstand dieser Lästerung (nicht nur) für die Justiz nicht existent ist. Für die Justiz gibt es dafür „nur" noch Beschimpfung von Religionsgemeinschaften. Auch in dieser Beziehung sollte man nicht versuchen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Ein Protest gegen (!) die Senkung der Toleranzgrenze ist wirklich das letzte, was unsere Demokratie gebrauchen kann, nachdem doch heute in der Bundesrepublik die Gewalttaten in gefährlicher Weise zunehmen.

Zur Gewalt zähle ich auch den Versuch der Verhinderung einer Diskussion bzw. eines Seminars der F.D.P.-nahen Thomas-Dehler-Stiftung über die selbstherrliche und unmögliche Vorgehensweise der kirchlichen Sektenbeauftragten - zumal diese Verhinderung durch die Beauftragten selbst betrieben wird. Bewundernswert ist bei alledem die überaus geschickte Rhetorik, derzufolge die all- und großmächtige Kirche derart verfolgt erscheint, als ob sie von den kleinen Sekten (die ich genau so wenig gut heiße, wie den Allmachtsansprüche der beiden Großsekten) in ihrer Existenz bedroht ist.

Ich würde eher eine unmissverständliche kritische Haltung gegen die um sich greifende Meinungsunterdrückung und für Religionsfreiheit empfehlen. Meinungsfreiheit war, auch für die Medien, schon einmal nicht mehr gegeben. Oder will die NZ tatsächlich dem freiheitlich-demokratischen Kurs eine Absage erteilen - zu Gunsten der Unterdrückung von bedeutungslosen Sekten, die wie die Kirchen sich innerhalb von nicht hinzunehmenden Dogmen bewegen? Jeder Mensch muss sich in dem weltanschaulichen Umfeld bewegen können, das ihm zusagt. Wem ist es übel zu nehmen, wenn er sich z. B., um seine Arbeit zu behalten, unmöglichen Dogmen beugt (beugen muss) und seine Menschenwürde in den Hintergrund stellt? In diesen Bereichen ist die Meinungsfreiheit schon genügend eingeschränkt, und vielleicht würde es unserer Demokratie besser gehen, wenn auch die NZ und ähnliche Publikationen sich der Meinungsfreiheit und der damit verbundenen Pressefreiheit mehr annehmen bzw. diese mehr pflegen würden. - Nicht auch noch sich selbst das Grab graben, dies hatten wir, wie oben angeführt, schon.

Adi Meister
Bund für Geistesfreiheit Bayern, K.d.ö.R.
Landesvorsitzender