Wolfgang Deppert (begonnen Sept. 2001) 

Sokratosophie I

Mein erstes Anliegen ist es zu zeigen, dass wir uns Sokrates als einen Relativisten vorzustellen haben, d.h., als jemand, der darauf aus ist, die Bedeutung von Wörtern oder die Gültigkeit von Behauptungen an bestimmte Bedingungen zu knüpfen, weil es ihm nicht denkbar oder sogar nicht einmal sinnvoll erscheint, unbedingte Wortbedeutungen oder Aussagen zu postulieren, die von keinen Bedingungen mehr abhängig sind. Platon ist im Gegensatz dazu als ein Absolutist anzusehen, der meint, sein Streben nach Sicherheit nur durch unbedingte Aussagen befriedigen zu können. Aufgrund dieser Gegenüberstellung kann man ein Kriterium ableiten, mit dessen Hilfe sich in platonischen Texten die Auffassungen des historischen Sokrates von denen Platons separieren lassen. Sobald Platon seinem Sokrates eine auf Verabsolutierung zielende Auffassung in den Mund legt, dann ist es in Wirklichkeit Platon, der da zu uns spricht. Wenn hingegen Sokrates in einem platonischen Text eine relativistische Position vertritt, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es sich dabei um Auffassungen des historischen Sokrates handelt. Und in den Texten Platons bestätigt sich diese Auffassung insbesondere dadurch, dass Platon bestrebt ist, diese relativistischen Darstellungen zu verabsolutieren, wodurch in den frühen Dialogen regelmäßig die berühmten aporetischen Situationen herbeigeführt werden.

Im Gegensatz zu Platons Schriften scheint Sokrates in den Texten Xenophons rein reletivistische Positionen zu vertreten. Da Xenophon ein Geschichtsschreiber ohne eigene philosophische Ambitionen ist, darf davon ausgegangen werden, dass Xenophons Sokrates den historischen Sokrates sehr viel genauer wiedergibt als dies bei Platon der Fall ist. Hinzukommt, dass Xenophon seine Memorabilien womöglich erst 30 bis 40 Jahr nach dem Tode des Sokrates herausgegeben hat, so dass er Gelegenheit hatte, die vielen Schriften über Sokrates, die seine Schüler über ihn verfasst haben, miteinander auf ihre historische Glaubwürdigkeit miteinander zu vergleichen. Und natürlich finden sich darum bei Xenophon auch Passagen, die er vermutlich Platons Schriften entnommen hat.

Wenn die hier vertretene Position über Xenophon korrekt ist, dann dürften sich in den xenophontischen Texten keine absolutistischen Ansichten finden lassen, die vom xenophontischen Sokrates vertreten werden. Dies nachzuweisen, ist gewiss nicht ganz einfach, da man dann sämtliche Äußerungen untersuchen müsste, die sich bei Xenophon von Sokrates finden lassen. Und gewiss gibt es auch bei Xenophon Stellen, in denen er davon spricht, dass Sokrates in seinen Ableitungen darum bemüht war, von etwas Allgemeinem auszugehen. Dies ist aber nicht zu verwechseln, mit etwas Absolutem, sondern ihm Gegenteil mit etwas Verbindendem, das ja stets den Charakter eine Relativen besitzt; denn das Verbindende verbindet immer etwas, worauf es somit bezogen ist. So unterstellt Xenophon seinem Sokrates die Vorstellung von etwas Allgemeinem im 4. Buch, 6.Kap. Abs.(15) seiner Memorabilien deutlich in dem Sinne, dass es sich dabei um eine allgemeine Auffassung der Bevölkerung handelt, d.h., hier haben wir es schon mit dem relativistischen Allgemeinheitsbegriff des Aristoteles zu tun, für den das Allgemeine das bezeichnet, was vielem anhaftet. Die relativistische Position des xenophontischen Sokrates findet sich in folgenden Textstellen der Memorabilien des Xenophons:

 

1. Das Panzermachergespräch:

Lesen wir folgende Stelle aus dem dritten Buch 10. Abschnitt ((9) bis (15)) aus Xenophons Memorabilien:

"(9) Sokrates ging auch einmal zum Panzermacher Pistias, der ihm fachkundig verfertigte Schilde zeigte.  Da sagte

Sokrates: »Fürwahr, Pistias, es ist eine schöne Erfindung, dass der Schild den Menschen schützt, wo es nötig ist, dass er ihn aber trotzdem nicht am Gebrauch der Hände hindert. (10) Aber sage mir, Pistias, warum verkaufst du deine Panzer teurer als andere Panzermacher? Deine Ausführung ist ja nicht stärker oder kostbarer.«

Pistias: »Aber meine Panzer sitzen besser." Sokrates: »Beruht die bessere Proportion der Panzer auf deren Maß oder deren Gewicht?  Legst du ihnen deshalb einen höheren Wert bei?  Ich glaube nämlich, dass du nicht alle gleich oder einander ähnlich ausführen kannst, wenn sie wirklich gut sitzen sollen.« Pistias: »Es ist ganz gewiss mein Wunsch, dass die Panzer gut sitzen.  Dies ist ja überhaupt die Bedingung, dass sie etwas nützen.«

(11) Sokrates: »Haben nicht die einen Menschen gut proportionierte Körper, die andern hingegen nicht?«

Pistias: »Gewiss.«

Sokrates: »Wie kann nun aber ein gut proportionierter Panzer einem unproportionierten Menschen passen?«

Pistias: »Ich passe eben den Panzer dem Menschen an, und wenn er gut sitzt, ist er auch gut proportioniert.«

(12) Sokrates: »Es dient mir also, dass du nicht beziehungslos einfach von >gut proportioniert< sprechen willst, sondern dass es dir darauf ankommt, ob ein Panzer für seinen Benützer gut proportioniert ist.  Gerade so wie wenn du sagen wolltest, ein Schild sei gut proportioniert für den, welchem er passt.  Auf das gleiche scheint es dir bei einem Mantel und bei andern derartigen Dingen anzukommen. (13) Vielleicht ist es auch sonst von gar nicht geringem Vorteil, wenn ein Panzer gut sitzt.«

Pistias: »So äußere dich doch, wenn du einen solchen weißt.«

Sokrates: »Bei gleichem Gewicht drückt ein gutsitzender Panzer weniger als einer, der dem Körper nicht angepasst ist.  Die nicht angepassten Panzer hängen entweder ganz an den Schultern oder sie drücken eine andere Körperstelle so stark, dass sie unbequem und lästig sind.  Die passenden aber verteilen ihr Gewicht auf die Schlüsselbeine, die Schultern, die Brust und auf den Rücken, so dass sie nicht einer Last, sondern einem Zusatz gleichen.«

(14) Pistias: »Du hast gerade das ausgesprochen, weshalb ich meine Arbeiten so hoch einschätze.  Es gibt zwar einige, welche lieber die verzierten und die vergoldeten Panzer kaufen.«

Sokrates: »Wenn das bedingt, dass sie nicht zugleich auch passende kaufen, so scheinen sie mir ein verziertes und vergoldetes Übel zu kaufen. (15) Wenn sich aber der Körper bewegt, indem er sich bald krümmt und bald wieder aufrichtet, wie könnten dann wohl genau anliegende Panzer passen?«

Pistias: »Sie passen unmöglich.«

Sokrates: »Du sagst also, dass nicht die passen, welche genau anliegen, sondern die, welche beim Gebrauch keine Beschwerden verursachen.«

Pistias: »Du sprichst mir aus dem Munde, Sokrates, und verstehst ganz richtig, worauf es ankommt.«"

Das Gespräch zielt darauf ab, den Begriff von "Wohlproportioniertheit" zu relativieren. Auf den Begriff eines Panzers angewandt, bedeutet er, dass der Panzer gut an den Körper angepasst ist, der ihn tragen soll und zwar so, dass sich dieser Körper darin gut bewegen kann. Im Gesprächsverlauf weist Sokrates darauf hin, dass man gemeinhin von Menschen mit gut proportionierten Körpern und von Menschen mit weniger gut proportionierten Körpern spricht. Deutet dies nicht daraufhin, dass es einen Begriff von Wohlproportioniertheit gibt, der sich unabhängig von den Körpern formulieren lässt und der somit abgetrennt von den Körpern existiert? Wollte Sokrates nun durch dieses Gespräch zeigen, dass auch solch ein abgetrennter Begriff von Wohlproportioniertheit unsinnig ist, da ein wohlproportionierter Körper in bezug auf einen Panzer, der ihm nicht passt, nicht gut proportioniert ist? Es scheint mir, als ob das der Fall ist; denn Sokrates ist dem Panzermacher Pistias offenbar dankbar für seine Entgegnung auf den Einwurf von Sokrates, dass es doch gut und schlecht proportionierte Menschen gäbe, wenn Sokrates sagt:

»Es dient mir also, dass du nicht beziehungslos einfach von >gut proportioniert< sprechen willst, sondern dass es dir darauf ankommt, ob ein Panzer für seinen Benützer gut proportioniert ist.  Gerade so wie wenn du sagen wolltest, ein Schild sei gut proportioniert für den, welchem er passt.  Auf das gleiche scheint es dir bei einem Mantel und bei andern derartigen Dingen anzukommen.«

Demnach zeigt das von Xenophon wiedergegebene Panzermachergespräch nicht nur auf, dass Sokrates an Begriffsbildungen interessiert ist, die deutlich einen Bezugscharakter besitzen, sondern dass er darüber hinaus auch verabsolutierende Tendenzen in der Begriffsbildung abwehren möchte.

2. Aristipp-Gespräch über das Gute

Aristipp (um -435 bis -355) ist ein Schüler von Sokrates, der nach dessen Tod die Schule der Kyrenaiker begründete. Die Hauptidee dieser Schule war der ganz und gar relativistische Standpunkt, dass Glück nur von dem richtig gelebten Augenblick ausgehen könne. Diogenes Laertius (um 220) (Diogenes Laertius, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt unter Mitarbeit von Günter Zekl, 3. Auflage, Meiner Verlag, Hamburg1990, II 65) schreibt über das Verhältnis von Aristipp und Xenophon: "Xenophon stand mit Aristipp auf gespanntem Fuß." Womöglich hat Xenophon Aristippos gerade deshalb nicht geschätzt, weil er den Relativismus seiner Auffassung nach, auf die Spitze getrieben habe. Jedenfalls dürfen wir erwarten, dass Xenophon den Relativismus, den Sokrates im folgenden Zitat vertritt, nicht selbst erfunden hat, um damit etwa Aristipp in die Hände zu arbeiten. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir es hier mit einer Sokrates-Äußerung zu tun haben, die ziemlich authentisch ist.

"8. (1) Aristipp versuchte den Sokrates in die gleiche Verlegenheit zu bringen, in welche er selber zuvor von jenem gebracht worden war.  Sokrates aber wollte die Unterredung zum Nutzen seiner Freunde gestalten.  Also antwortete er nicht wie einer, der ängstlich acht gibt, dass seine Rede nicht verdreht wird, sondern wie einer, der sich ganz klar darüber ist, dass man einfach der Pflicht und der

Wahrheit nachkommen muss. (2) Aristipp fragte ihn nämlich, ob er etwas kenne, das gut sei.  Hätte nun Sokrates etwas Derartiges genannt, wie z. B. Speise, Getränk, Geld, Gesundheit, Stärke, Wagemut, so hätte er ihm gezeigt, dass alle diese Dinge manchmal auch schlecht sind.  Sokrates aber dachte daran, dass wir ein Befreiungsmittel brauchen, wenn uns etwas beschwert.  So gab er ihm folgende, einzig passende Antwort: (3) »Fragst du mich etwa, ob ich weiß, was gegen Fieber gut ist?« Aristipp: »Nein.« Sokrates: »Aber was gut ist gegen Augenkrankheiten?« Aristipp: »Auch das nicht.« Sokrates: »Vielleicht was gut ist gegen Hunger?« Aristipp: »Nein.« Sokrates: »Wahrhaftig, ich kann deine Frage nicht beantworten.  Ich kenne nichts Gutes, das zu nichts gut ist, und ich wünsche es auch nicht zu kennen.«

Deutlicher lässt sich der relativistische Standpunkt nicht zum Ausdruck bringen. Der Sokrates des Xenophon weiß mit einem Begriff von dem Guten schlechthin nichts anzufangen. Dies wäre etwas "Gutes, das zu nichts gut ist". Von einem solchen Begriff des Guten, das jeder Bezüglichkeit beraubt ist, will Sokrates auch nichts wissen. So etwas wäre für ihn eine gänzlich sinnlose Begriffsbildung. Der Begriff des Guten ist hier nur relational zu begreifen. Diejenige Sache S, die gut ist, um einem Menschen M den Hunger H zu stillen ist z. B. nur als eine dreistellige Relation g(S, M, H) zu verstehen. Der xenophontische Sokrates steht mithin in einem krassen Gegensatz zu der platonischen Ideenlehre, die Platon in seinen späteren Dialogen seinem Sokrates immer wieder in den Mund legt.