Professor Dr. Wolfgang Deppert

Sokrates und Platon

Ein weltgeschichtliches Drama

 

Kurzfassung

Die Sokratesforschung zeigt deutlich an, dass Sokrates einen relativistischen und individualistischen Standpunkt zur Beantwortung der Fragen nach einer sinnvollen Lebensführung eingenommen hat. Ganz anders sein Schüler Platon. Dieser vertritt mit seiner Ideenlehre eine absolutistische erkennt­nistheoretische Position. Alle Erkenntnis ist nach Platon nur durch den Bezug zu seinen ewigen Ideen begründbar, da sie die Urbilder allen Seins der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit abgeben. Wie konnte es dazu kommen, dass Platon damit die entgegengesetzte philosophische Richtung zu seinem Lehrer Sokrates einnahm?

 

Deutet man das Phaidon-Zitat: „Platon aber, glaube ich, war krank“ so, dass Platon in den letzten Stunden bis zur Hinrichtung seines geliebten Lehrers anwesend aber krank vor seelischem Schmerz war, dann liegt die Vermutung nahe, dass in diesen Stunden die Umwendung stattfand, die Platon in die entgegengesetzte philosophische Richtung trieb. Denn da die Lehre des Sokrates auf die Eigen­ständigkeit und Selbstbestimmung der Menschen zielte, war Sokrates ein Aufklärer, dessen politisches Ziel nur in der Verwirklichung demokratischer Staatsformen liegen konnte. Sokrates wurde aber mit Hilfe der Gesetze der athenischen Demokratie hingerichtet. Darum musste Platon den Eindruck gewinnen, dass die Lehre des Sokrates seinen eigenen Untergang herbeigeführt hat.

 

Diese erschütternde Einsicht musste Platon in den Stunden vor der Hinrichtung seines Lehrers Sokrates wie gelähmt erscheinen lassen, und Platon wendete sich innerlich ab von den relativistischen und individualistischen Konzeptionen seines Lehrers und ersehnte in seinem weiteren Leben eine absolute Erkenntnisbegründung. Insbesondere fand er später in seinem Werk ‚Politeia‘ (Der Staat) Gründe dafür, warum er die Demokratie für die zweitschlechteste Staatsform hielt. Durch den Abso­lutismus Platons aber wurde der philosophische Hintergrund für das Christentum geschaffen und das unbarmherzige Streben nach immer genauerer und besserer Erkenntnis. Das Faustische Streben, das in Platons Umwendung von den Lehren des Sokrates seine Wurzel hat, setzt uns noch heute unter den Stress, mit dem Erreichten nie zufrieden sein zu können, sondern immer weiter nach mehr und nach Besserem streben zu müssen. Das Immerweiterstreben bringt notwendig hierarchische Formen des Denkens und des Zusammenlebens hervor, die auf Dauer nicht beständig sein können. Der Mensch hat dadurch ein parasitäres Verhalten gegenüber der natürlichen Umwelt praktiziert, das jetzt schon zu so drastischen Umweltschädigungen geführt hat, dass es fraglich erscheint, ob die tief greifenden Schädigungen der eigenen Lebensgrundlagen des Menschen das langfristige Überleben der Menschheit überhaupt noch als möglich erscheinen lassen.

 

Wir haben uns wieder der Denk- und Argumentationsweise des weisen Sokrates zuzuwenden, dessen Todesjahr in diesem Jahr 2400 Jahre her ist. Dies könnte ein zusätzlicher Anlass sein, das weltgeschichtliche Drama, das sich aufgrund der Abwendung seines Schülers Platon nun 2400 Jahre durch den Einfluss Platons abgespielt hat, wieder im Sinne des selbstgenügsamen Sokrates umzugestalten, damit es nicht seinem baldigen Ende entgegengeht.