Menschenrechte - 
woher kommen sie?

Im Gegensatz zu konservativen und etablierten Wertvorstellungen wurde beginnend mit der Magna Charta 1215 über die Philosophen der Renaissance und der Aufklärung ein Wertekonsens in unseren Demokratien entwickelt, der in die Menschenrechte mündete. Konzentrierten sich die auf dem asiatischen Kontinent entstandenen Religionen auf die sozialen Werte, die dann im Judentum, Christentum und Islam mit dem Begriff der Nächstenliebe umschrieben wurden, so entstand auf dem europäischen Kontinent eine Freiheitsbewegung, die schließlich die Menschenrechte und Grundwerte der westlichen Demokratien hervorbrachte.
Die Tragik Europas ist es, dass diese Menschenrechte erst nach Amerika exportiert werden mussten, um sich aus der Umklammerung durch jenseitige und ins Überirdische sublimierte Wertvorstellungen zu lösen. Aufgrund ihrer Gottgegebenheit wurde auch die Sklaverei und das Leibeigentum als gerechtfertigt angesehen (z. B. Luthers Position in den Bauernkriegen). Die sogenannten Weltreligionen haben nichts zum Wertekonsens im Bereich der Grundwerte beigetragen, der sich heute in den Verfassungen der westliche Demokratien wiederfindet. Die Tragödie dieser Feststellung wird täglich durch die Berichterstattung über den Konflikt im Nahen Osten dokumentiert.
Die Magna Charta (1215) ist mit der Petition of Rights (1629) und der Bill of Rights (1689) die Grundlage der heute gültigen englischen Verfassung. Grundtenor ist die Einschränkung der Staatsgewalt gegenüber dem Individuum. Der englische Philosoph John Locke (1632-1704) gilt als einer derjenigen Männer, die die theoretischen Grundlagen des Verfassungs- und Rechtsstaates auf der Basis des Selbstbestimmungsrechtes gelegt haben. In seiner grundsätzlichen Arbeit "Two Treaties of Government" vertritt er eine Staatslehre, die nicht vom Staat, sondern vom Einzelnen her konzipiert ist. Es geht ihm um ein Leben, in dem Freiheit und Eigentum vor staatlichen Übergriffen geschützt sind.
Es dauerte nochmals fast 100 Jahre, bis die Unabhängigkeitserklärung der 13 vereinigten Staaten von Amerika am 4. Juli 1776 diese Freiheitsrechte für alle Bürger festschrieb. Der Unitarier Thomas Jefferson, unterstützt durch Benjamin Franklin, hatte in diese Unabhängigkeitserklärung geschrieben:
„Wir halten diese Wahrheiten für in sich einleuchtend: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freiheit und Streben nach Glück...".
Indem Jefferson die geläufige Bezeichnung „Leben, Freiheit, Besitz" gegen „Leben, Freiheit, Streben nach Glück" austauschte, trennte er sich von Locke und anderen Philosophen. Bisher hatte noch kein staatstheoretisches Schriftstück davon gesprochen, dass es eine der wesentlichen Aufgaben der Regierung sei, die Menschen glücklich zu machen, oder, dass eines der natürlichen Rechte des Menschen das Streben nach Glück sei. Das war in der Tat eine umwälzende Lehre!
In Europa war es neben der französischen Revolution dann die Revolution 1848/49, die diesen Freiheitsgedanken nachvollziehen wollte und die im deutschsprachigen Raum wieder an der Obrigkeit von Thron und Altar scheiterte. Es waren viele freireligiöse Menschen wie z.B. Robert Blum und Carl Schurz, die sich für die Menschenrechte stark machten. Wenn sie nicht hingerichtet wurden, wanderten sie nach Amerika aus. Neben den Philosophen der Renaissance und Aufklärung sind es Vertreter liberaler religiöser Auffassungen, die die Freiheitsrechte neben den sozialen Rechten in unseren Verfassungen verankert haben.
Heute stehen wir im Zusammenhang mit der Diskussion über eine Verfassung der Europäischen Union vor der Frage, wie denn dieser Wertekonsens, der auch den Frieden mit der Natur beinhalten muss, in Richtung einer weltweiten Anwendung vorangebracht werden kann. Den Beitrag der Weltreligionen dazu sehe ich nicht! Umso wichtiger ist es, dass sich liberale religiöse und humanistische Gruppen dieses Themas annehmen.
In der EvangelischenAkademie Bad Boll soll dieses Thema vom 26.-28.7.2001 auf internationaler Ebene (International Association for Religious Freedom) vertieft werden. Die Fragen, die es zu klären gilt, lauten, stehen die Menschenrechte höher als die Souveränitätsrechte der Staaten? Wie sieht dann eine Friedensordnung eines freiheitlichen Europas aus?

Ottobrunn, 6. Juni 2001
Horst Prem