90er Jahre: so viele Kirchenaustritte 
wie noch nie

4 Millionen Deutsche verlassen die Kirche, 
davon 500.000 in Bayern
Das letzte Jahrzehnt des alten Jahrtausends brachte den größten Verweltlichungs-Schub, den es je in der Geschichte Deutschlands gab. Rund vier der damals 58 Millionen Katholiken und Protestanten traten seit 1990 aus der Kirche aus, eine halbe Million ein. 
Zusätzlich verloren die Kirchen 1,5 Millionen Mitglieder, weil Taufen die Verluste durch Sterbefälle nicht wettmachen konnten. Andererseits profitierten die Kirchen mit etwa einer Million von der Zuwanderung, da die Einwohnerzahl seit 1990 von 79,7 auf 82,0 Mio. stieg. Ihr Mitgliederanteil an der Gesamtbevölkerung sank seit 1990 von 72,4 auf rund 65,2 Prozent. (Die Zahlen für 1999 sind hochgerechnet.) Zu den jeweils knapp 27 Millionen Katholiken und Protestanten hat die „drltte Konfession" der kirchlich nicht Gebundenen mit gut 24 Millionen (29,5 %) bereits dicht aufgeschlossen; sie wird im kommenden Jahrzehnt zahlenmaßig an die erste Stelle rücken.
Zusätzlich ging die Bindung der verbliebenen Kirchenmitglieder zurück, denn die Besuchsquote der Sonntagsgottesdienste sank bei den Katholiken von 22 auf 17 Prozent (Protestanten:
konstant 5 Prozent), und die Zustimmung zu den wichtigsten Glaubensinhalten nahm nach diversen kirchlichen Umfragen in gleichem Maße ab.
Auch Bayern wurde von dieser beispiellosen Säkularisierungswelle erfasst. Bei rund einer halben Million Kirchenaustritten und etwa 50.000 Eintritten nahm der Katholiken-Anteil seit 1990 von 68,5 auf knapp 61 Prozent ab, der evangelische sank von 23,5 auf 22,5 Prozent. Damit gehört jeder 6. Einwohner keiner der beiden Großkirchen an. Der Anteil der Konfessionsfreien verdoppelte sich nahezu (von 6,5 auf 12,5 %), während die religiösen Minderheiten (zumeist Moslems) nur gering zunahmen. In absoluten Zahlen wirkte sich der Kirchen-Exodus kaum aus, weil die bayerische Bevölkerung im letzten Jahrzehnt von 11,2 auf 12,2 Millionen wuchs. Besonders stark nahm gerade in Bayern die Kirchenbindung ab: Ging 1990 noch jeder 4. Katholik sonntags in die Kirche (26 %), war es schon 1998 nur noch jeder 5. (20,2 %).
Allein München verzeichnete in den 90er Jahren 120.000 Austritte (bei rund 10.000 Eintritten), so dass jeder 3. Münchner keiner Kirche mehr angehört. Auch in Augsburg kehrte per saldo ein ganzer Stadtteil (rund 17.000 Austritte und 2.500 Eintritte) der Kirche den Rücken. Nur noch drei von vier Augsburgern sind katholisch oder evangelisch; die Konfessionsfreien haben mit den Protestanten gleichgezogen (je 17 %). Auch in diversen mittleren Städten traten durchweg zwischen 5 und 8 Prozent der Kirchenmitglieder aus. - (Hinweis: In den Standesämtern wird meist nur die Zahl der beurkundeten Falle registriert: Der Austritt eines Ehepaars oder einer ganzen Familie gilt als ein Fall, so dass die tatsächliche Austrittszahl i.d.R. um 5 - 10 % höher liegt als angegeben!)

Gerhard Rampp