Der Papst und die Frauen –
das „moderne“ katholische Menschenbild

Während es überall in der Gesellschaft Bestrebungen gibt, Frauen als den Männern gleichwertige und ebenbürtige Partner zu etablieren, gibt sich der Papst offebar noch immer romantischen und überholten Vorstellungen von der Rollenaufteilung der Geschlechter hin.

In einem Zeitalter, in dem die Frauen vermehrt am öffentlichen Leben teilhaben, sei es wichtig, dass sie sich ihrer grundlegenden Berufung bewusst sind: in der Liebe die eigene Erfüllung zu finden, meint Johannes Paul II. „Die Würde der Frau ist aufs Tiefste verbunden mit der Liebe, die sie sowohl durch ihre Weiblichkeit erhält als auch selbst schenkt“, meinte der Papst.

Er empfing die Teilnehmer eines nationalen Kongresses in Rom, der vom italienischen Frauenzentrum zum Thema „Frauen gegenüber den Hoffnungszeichen in der Welt“ organisiert wurde, zu einer Audienz.

„Es ist wichtig, dass sich Frauen das Bewusstsein ihrer grundlegenden Berufung erhalten“, so der Papst. Die Frau „verwirklicht sich selbst nur, indem sie Liebe schenkt, mit ihrer einzigartigen ‘Gabe’ der Empfindsamkeit“ für Menschen, einfach weil es Menschen sind, bei jeder Gelegenheit. Wirklich, „die moralische und geistige Stärke der Frau wurzelt in dem Bewusstsein, dass ‘Gott ihr den Menschen auf eine besondere Weise anvertraut hat’“, bekräftigte der „Heilige Vater“ seine Aussagen mit einem Zitat aus seinem Apostolischen Schreiben vom 15. August 1988 „Mulieris Dignitatem“.

„Dies ist die erste Aufgabe jeder Frau, auch im dritten Jahrtausend“, fügte der Papst hinzu. „Lebt sie ausgiebig und in Fülle; lasst euch nicht von Schwierigkeiten und Hindernissen, die ihr am Weg findet, entmutigen“, sagte er zu den Anwesenden.„Im Gegenteil, verwirklicht [eure Aufgabe] mit Freude, immer auf göttlichen Beistand vertrauend, indem ihr der ‘Begabung’ Ausdruck verleiht, die euch als Frau auszeichnet.“ Schließlich rief Johannes Paul II. die Frauen dazu auf, „überall das Evangelium der Liebe und der Hoffnung zu bezeugen.“

Das Frauenbild der katholischen Kirche, das sich in solchen Äußerungen offenbart, erscheint anachronistisch und verstaubt. Welche Aufgaben in diesem Zusammenhang dem Mann zufallen, erwähnte der Papst anscheinend nicht.

Sicher wird keine Frau etwas dagegen haben, Liebe zu erhalten und Liebe zu schenken – nur ob das als einziger Lebensinhalt erstrebenswert sein kann, darf angezweifelt werden. Frauen haben sicher mehr zu bieten als schlichte „Liebe zu den Menschen“. Ihr gesellschaftlicher Beitrag erschöpft sich nicht nur darin, „empfindsam“ zu sein, auch wenn das eine gute Charaktereigenschaft – und nicht unbedingt nur weiblich – ist.
Wenn mit solchen Ansichten des Papstes wenigstens eine höhere Anerkennung z.B. von Familien- und Hausarbeit der Frauen verbunden wäre, könnte frau sich über diese Sätze vielleicht eher freuen. Leider schimmert jedoch auch hier wieder nur die päpstliche Anschauung durch, dass Frauen ihre Bemühungen um einen gesellschaftlichen Beitrag z.B. in puncto Kindererziehung als selbstverständlich anzusehen haben: Sie sollen sich nicht von Hindernissen entmutigen lassen – die ihnen hauptsächlich die „Herren der Schöpfung“ in den Weg legen. Sie sollen brav weiterrackern, ihre Bürden als „Berufung“ auffassen, großzügig ihre Liebe verschenken, sich für alles und jeden verantwortlich fühlen und vor allem sich nicht beklagen. Amen.

Ortrun E. Lenz