Neue Rahmenlehrpläne für LER

Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften mit seinem Mitgliedsverband, dem Humanis-tischen Freidenkerbund Brandenburg e.V., hat zu den Entwürfen neuer Rahmenlehrpläne für „Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde“ (LER) Stellung genommen, mit dem Fachverband für LER e.V. besprochen und dem Brandenburger Bildungsminister vorgelegt. Die Rahmenlehrpläne beziehen sich auf die Sekundarstufe I. (7 bis 10. Klasse) und auf die 5. und 6. Klassen.

Die aktuellen Entwürfe der Rahmenlehrpläne für LER im Land Brandenburg machen einen vorwiegend soliden und fachlich reifen Eindruck. Sie stellen einen Fortschritt im Vergleich zu früheren Dokumenten dieser Art dar. Auf der positiven Seite sind insbesondere das ganzheitliche Kompetenzmodell, das fächerübergreifende und fächerverbindende Arbeiten, das angemessene Einbeziehen und Mitentscheiden der Schülerinnen und Schüler sowie die Fachdidaktik zu vermerken. Dennoch sind schwerpunktbezogen einige wesentliche Defizite in den Entwürfen zu finden, die der DFW kritisch herausgestellt hat. Änderungen sind dringend geboten!

Insgesamt sind die Einbeziehung der freien Weltanschauungen und Ethiken und die Darstellung der freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften im LER-Unterricht völlig unzureichend vorgesehen. Gewiss wird „Weltanschauung“ erwähnt, aber inhaltlich nicht ausreichend thematisiert. Dies stimmt vor allem deswegen befremdlich, da die überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler im Land Brandenburg nichtreligiös ist oder einer atheistischen oder agnostischen Weltanschauung anhängt bzw. aus einem entsprechenden Elternhaus kommt. Die Säkularisierungstendenzen der Gegenwart sowie die Entwicklungen zu religiös-weltanschaulicher Pluralität werden nicht beachtet. Wie soll da das gemeinsame Leben gelernt werden, wenn nicht die Verschiedenartigkeit der Lebensentwürfe und -anschauungen gleichberechtigt und ausgewogen verdeutlicht werden soll?

Dies hat der DFW beispielhaft an folgenden Punkten des Rahmenlehrplanes verdeutlicht: In der sog. „Religions(kunde)-Dimension“ werden religionskundliche Aspekte untersucht, die inhaltlich von verschiedenen Religionen und Weltanschauungen bestimmt sind. Ein entsprechendes Wissen soll laut Schulgesetz vermittelt werden, was jedoch dann in Bezug auf die freien Weltanschauungen nicht ausgeführt wird. In der Fachdidaktik wird nur das Religiöse untersucht. Wo sind (frei- oder nichtreligiöse) Weltanschauungen? Weltanschauliche Strukturen sollen jedoch ebenfalls umfassend untersucht werden. Die Exkurse zu unterschiedlichen Religionen sind durch die zu freien Weltanschauungen zu ergänzen! Wo finden sich bei den Themenfeldern die Freie Religion, die unitarische Religiosität, eine freidenkerische Weltanschauung, Atheismus und Agnostizismus? Die sie tragenden freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die im Land Brandenburg und bundesweit existieren, werden völlig verschwiegen.

Bei den Themenfeldern und thematischen Schwerpunkten werden Weltanschauungen erwähnt, aber Chancen für eine konfessionell unabhängige Lebensgestaltung nicht hinreichend angelegt. Eine vom DFW besonders favorisierte Werteerziehung für alle benötigt auch die Thematisierung freigeistig-humanistischer Ethik. Bei der Entstehung der Welt und dem Menschenbild z.B. werden weltanschauliche Aspekte zwar genannt, aber inhaltlich nicht ausgeführt. Zu beachten ist wiederum, dass die Zielgruppe von LER alle Schülerinnen und Schüler ist, von denen die Mehrheit nichtreligiös bzw. frei weltanschaulich orientiert ist.

Eine zusammenhängende Erarbeitung auch zu nichtreligiösen Weltanschauungen ist in den Rahmenlehrplan dringend aufzunehmen! Nur so verstehen auch religiös gebundene Schülerinnen und Schüler, dass ihre Klassenkameraden anders denken (z.B. atheistisch) oder glauben.
Es fehlen Darstellungen zur Pluralität von Religionen und Weltanschauungen. Nur sie können plausibel ein tolerantes und solidarisches, auf Verstehen und Respekt begründetes Miteinander entwickeln lassen und die Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen zu eigenständigem Urteilen und Bewerten fördern. Ohne weltanschauliche Selbstbestimmung und Selbstfindung kann u.E. ein gemeinsames Leben im religiös-weltanschaulichen Bereich nicht friedlich und frei erfolgen.

Dr. V. Mueller