Religionsunterricht als Instrument

kirchlicher Missionierung

 

In einem Interview des Tagesspiegels vom 17. Dezember 2001 mit dem evangelischen Landesbischof Dr. Wolfgang Huber unter dem Titel “Religionsunterricht ist keine Missionierung” erklärte dieser u.a.: “Jeder in Berlin und Brandenburg muss wissen, dass der Religionsunterricht für uns keine unmittelbar missionarische Veranstaltung ist. Religionsunterricht ist ein Teil des schulischen Bildungsauftrages.” Wie demgegenüber dem Religionsunterricht eine besondere Funktion bei der Mission von noch “Ungläubigen” zugemessen wird zeigen die folgenden Auszüge aus kirchlichen Dokumenten, Interviews und aus Publikationen von Bischof W. Huber.

 

Neudefinition des “Bildungsauftrags” der Kirchen angesichts des Übergangs in “eine missionarische Situation”

 

 

Aus einem Beschluß der Kirchenleitung Berlin-Brandenburg vom 16.9.1994: “Die Bildungsangebote der Kirchen müssen die inneren und äußeren Veränderungen berücksichtigen, die die Einstellung vieler Menschen zur Kirche prägen. Für immer weniger Menschen ist die Zugehörigkeit zur Kirche selbstverständlich vorgegeben; immer mehr Menschen fragen nach guten Gründen dafür. Dabei wird nicht mehr nur gefragt, ob es sinnvoll ist, in der Kirche zu bleiben. Neben dieser Frage gewinnt die andere Frage an Gewicht, welchen Sinn es hat, Glied der Kirche zu werden. Darin zeigt sich, daß die Kirche aus einer überwiegend volkskirchlichen Situation in eine zu erheblichen Teilen missionarische Situation übergeht. Das wirkt sich auf ihren Bildungsauftrag aus. Zu ihm gehört in verstärktem Maße die Aufgabe, Menschen einsichtig zu machen, warum der Glaube nicht nur ein Element, sondern der Grund ihrer Lebenspraxis sein kann, oder anders: was es heißt, aus Glauben zu leben.”  (Aus: Der Bildungsauftrag der Kirche und ihre Mitverantwortung im öffentlichen Bildungswesen. Berlin 1994)

 

 

“Die missionarische Offensive steht aus ...”: Schulen und Lehrer als “Ziele einer missionarischen Strategie in Ostdeutschland”

 

Aus einer Studie der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) 1996: “Die missionarische Offensive steht aus, und die ostdeutschen Kirchen sollten sehen, daß die Orientierung an einer bekenntnistreuen Minderheit die Gefahr in sich birgt, denen, die an christlicher Religion auf andere Weise partizipieren möchten oder können, den christlichen Glauben vorzuenthalten.”

“Die Medien, die Schulen und Ausbildungsstätten, die Bundeswehr, die Polizei, die Lehrerschaft, kulturelle Bereiche, Freizeit, Informationssysteme, Datennetze, die Wirtschaft, der Dienstleistungsbereich, die Parteien und andere Interessengruppen wären als Ziele einer missionarischen Strategie in Ostdeutschland zu definieren.” (Quelle: Erhard Neubert: “gründlich ausgetrieben.” – Eine Studie zum Profil und zur psychosozialen, kulturellen und religiösen Situation von Konfessionslosigkeit in Ostdeutschland und den Voraussetzungen kirchlicher Arbeit (Mission) / Hg.: Evang. Kirche in Deutschland, Studien- und Begegnungsstätte Berlin. – Berlin 1996, S. 95, 104)

 

 

“Reden von Gott in der Welt – Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend” 

 

Aus dem gleichnamigen Beschluss Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) vom November 1999: “Alle Bemühungen um den missionarischen Auftrag fangen damit an, zu erkennen und zu beschreiben, wie schön, notwendig und wohltuend die christliche Botschaft ist.” ... 

“Besondere Aufmerksamkeit verdient der Bildungsbereich: Einrichtungen der Elementarerziehung, Schulen, Akademien u.a. In Erziehung, Bildung und Unterricht geschieht Weitergabe des Glaubens inmitten von Lebensfragen. Hier wird der Glauben lebensbegleitend weitergegeben, es wird persönliche Begegnung mit dem Evangelium angebahnt ...”  (Quelle: EKD-Beschluß im Rahmen der 4. Tagung der 9. Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands vom 7.-12. November 1999 in Leipzig)                                                                                                            -  2  .

 
Konfessionslose Schüler im Religionsunterricht als Adressaten von Mission

 

Landesbischof Renz im Gespräch mit dem Dt. Allg. Sonntagsblatt: »Jeder Glaube ist absolut« - Streitfall Mission: Kirchenkritiker wittern da Intoleranz und »kulturellen Imperialismus«. Württembergs Landesbischof rückt die Möbel gerade  (Auszüge)

DAS: Den einen gilt sie als Bauernfängerei, die anderen sehen sie als unverzichtbaren Bestandteil christlichen Lebens. Wie Mission lebendig bleibt, begründet ein Praktiker ....

DAS: Mittlerweile ist Deutschland selber zum Missionsland geworden. Im Osten sind rund 70 Prozent konfessionslos, im Westen ist der Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft nach dem Christentum. Wem sollte sich denn die christliche Mission zuwenden, den Suchenden, das heißt denen, die keine Religion haben, oder auch den Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften?

 

Renz: “Wenn ich von meinem Christsein überzeugt bin, dann erzähle ich davon allen Menschen. Wobei es natürlich Unterschiede gibt. Denn mit den Juden glaube ich als Christ an denselben Gott. Dies kann ich nicht von Muslimen oder Hindus sagen. Im Übrigen, gerade in Ostdeutschland, wo die Kommunisten den Leuten das Christentum ausgetrieben haben, werden Christen natürlich gefragt, warum sie glauben. Und ich weiß aus der thüringischen Landeskirche, der Partnerkirche von Württemberg, vom großen Interesse vieler konfessionsloser Schüler am Religionsunterricht. Wenn aber viele Menschen sich für unseren Glauben interessieren und danach fragen, wäre es doch fatal, wenn wir schweigen würden.”  (Nr. 22/2000 vom 2. Juni 2000)

 

 

Religionsunterricht in Berlin-Brandenburg im Kontext einer “missionarischen Situation”

 

Am 18. Novermber 2000 beschließt die Landessynode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg “Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer Situation”. Leitlinie 5 heißt “Glaubenswissen weitergeben” und beinhaltet u.a. folgende Aufgabenstellung: “Die Mitwirkung im öffentlichen Bildungswesen (Religionsunterricht) muß weiter ausgebaut werden.”  (Quelle: Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer Situation. – Berlin 2001, S. 18)

 

“Nichts ist dringlicher als Mission”

 

Zwischentitel aus einem Interview der Nachrichtenagentur idea mit Bischof Huber im Oktober 2001. .... idea: Zurück zu Berlin und zu Ihnen. Wann immer in der EKD ihr Name erwähnt wird, heißt es immer häufiger, Sie hätten sich geändert, seien ‚nachgedunkelt‘. Kaum ein anderer Bischof rede so viel von der Notwendigkeit der Mission und eines Kurswechsels im Protestantismus wie Sie. Haben Sie ein Saulus-Paulus-Erlebnis gehabt?

 

Huber: Ich bin als Bischof einer Kirche berufen worden, die von der Säkularisierung so massiv betroffen ist, wie ich das nie zuvor erlebt und auch nicht vermutet habe. Die Erfahrungen im Bischofsamt haben mir gezeigt, daß nichts dringlicher ist als Mission. ....”  (Quelle: http://ekibb.weitblick.de/info.vortrag/wdss.285)

 

“Deutschland als Missionsland zu betrachten, gilt noch immer als befremdlich.”

 

Einleitender Satz aus einem Aufsatz von Wolfgang Huber mit dem Titel “Missionarische Perspektive entwickeln”, veröffentlicht in: AMD-Akzente Nr. 1  [Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste] (Quelle: http://www.a-m-d.de/durchblicken/argumente/meinungen/huber.html)

 

 

 

 

 

 

Zusammenstellung: Gerd Eggers / 20.12.2001