Dr. Volker Mueller (Juni 2003):

 

Dialogisch - integrative Werteerziehung im multikulturellen Gemeinwesen

Durch wen vollzieht sich Werteerziehung der Jugend heute? Wer sind die Träger von Werteentwicklung, Wertevermittlung und Wertbindungsprozessen? Als "Instanzen" der Werteerziehung der heranwachsenden Generation lassen sich vor allem ausmachen: das Elternhaus, der Freundes- und Bekanntenkreis, die Schule, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, Einrichtungen der Jugendhilfe und insbesondere die Medien und Freizeitindustrie. /1/

Die gesellschaftliche Situation in Deutschland, ja im sich vereinigenden Europa lässt Prozesse der

weiteren Säkularisierung und einer multiweltanschaulichen und multikulturellen Gegenwart erkennen, sie ist davon wesentlich geprägt. Ein freier Humanismus und atheistische bzw. areligiöse Lebensweisen und Lebenseinstellungen herrschen mehr und mehr vor. Sie werden nicht mehr wie in vergangenen Jahrhunderten kriminalisiert oder diffamiert. Im Alltag werden sie de facto mit religiösen Weltsichten gleichbehandelt. Der Rückgang der Religionszugehörigkeit der Menschen führt jedoch nicht zu einer Abnahme der Privilegierung des Christentums bei uns. Daher ist das Ringen um die kulturpolitische, ökonomische und rechtliche Gleichstellung und Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen kein alter Zopf. Ausgangs- und Endpunkt bleibt ein laizistisches, weltliches Gemeinwesen und der weltanschauliche neutrale Staat.

Die Grundfrage, ob Säkularisierung oder Religiosität unsere weltanschauliche Lebenssituation mehr bestimmen, erfordert eine komplexe Betrachtungsweise und umfassende Antworten. Die weltanschaulich-religiöse Situation in Deutschland und in der Europäischen Union hat sich grundlegend verändert. Sie ist geprägt von verstärkten Säkularisierungsprozessen, einer Abkehr von der katholischen und der evangelischen Kirche, neuen Einflüssen durch nichtchristliche Religionen (Islam, Buddhismus u.a.), der Hinwendung zu fundamentalistischen, esoterischen und neureligiösen Gruppen sowie von Wertekrisen und Wertewandel. Welchen Platz finden hierbei freigeistige Überzeugungen? Wie bündelt z.B. der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften ethische Sichtweisen und freie Lebensorientierungen?

Die Glaubenssituation ist für die weitere Betrachtung von Bedeutung:

Der Anteil der Religionen und Religionslosen an der Weltbevölkerung (in %)

Christen 29,1
davon -römisch-katholisch 18,5
   protestantisch  6,4
   orthodox  2,7
   anglikanisch  1,5
Muslime 16,5
Hindus 13,3
Buddhisten 6,3
Juden 0,6
andere Religionen 15,8
Religionslose/ Atheisten 16,4

 

Angaben aus 1998 stellen uns die Zugehörigkeit zu den Religionsgemeinschaften und -organisationen und zu sog. Sekten in der Bundesrepublik Deutschland dar:

Evangelische Kirche  27.100.000 33,04 %
Katholische Kirche  27.000.000 32,92 %
konfessionsfrei  22.558.300 27,50 %
Muslime  3.200.000 3,90 %
Orthodoxe Kirchen  1.200.000 1,46 %
Neuapostolische Kirche  400.000 0,49 %
Zeugen Jehovas  166.000 0,20 %
Baptisten  87.000 0,11 %
Juden  84.000 0,10 %
Ev-methodistische Kirche  66.000 0,08 %
Methodisten  64.000 0,08 %
Ev-Lutherische Kirche  40.000 0,05 %
Mormonen  36.000 0,04 %
Herrnhutter  7.200 0,01 %
Apostolische Gemeinschaft  7.000 0,01 %
Mennoniten  6.500 0,01 %
Gesamtbevölkerung  82.022.000  

 

Werteerziehung und Wertewandel werden heute breit und kontrovers diskutiert. Angesichts der vielfältigen Veränderungen ethischer Lebensanschauungen in der Welt steht auch in der Bundesrepublik Deutschland die Frage nach angemessener und kompetenter Wertevermittlung insbesondere in der Jugend. Hierbei stehen Schule als staatliche Institution ebenso auf dem Prüfstand wie Elternhaus und die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Schule habe Raum für ethisches Miteinander und lebens- und religionskundliches Lernen zu geben.

Das Unterrichtsfach "Lebensgestaltung / Ethik / Religionskunde" (LER), das im Land Brandenburg nach erfolgreicher Erprobung in einem mehrjährigen Schulversuch seit 1996 ordentliches Schulfach ist, versucht neue Wege zur Werteorientierung zu gehen/2/. Damit sind viele Probleme verbunden. Trotz allem gelingt es, die Schülerinnen und Schüler unabhängig von konfessionellen Bindungen und Konfessionslosigkeit "gemeinsam leben lernen" zu lassen und zu Toleranz und weltanschaulich - ethischen Auseinandersetzungen zu befähigen.

LER erfährt gegenwärtig eine besondere öffentliche Würdigung, da aufgrund der Klagen der CDU / CSU - Bundestagsfraktion, der katholischen und evangelischen Kirchen und von Eltern das Bundesverfassungsgericht zur Zeit über LER verhandelt. Es geht um die Frage der Rechtmäßigkeit, dass das Land Brandenburg das Schulfach LER einführt und den Religionsunterricht nach Art. 7 GG unter Anwendung der sogenannten Bremer Klausel (Art. 141 GG) als ordentliches Unterrichtsfach an staatlichen Schulen nicht etabliert.

Die Forderungen nach der strikten Trennung von Staat und Kirche beinhaltet auch, dass vor allem die christlichen Kirchen in der Schule nicht privilegiert werden dürfen. Der konfessionelle Religionsunterricht und sogenannte Ersatzfächer erscheinen dabei ebenso unzeitgemäß wie staatliche Vorgaben. Freiwillige Unterrichtsangebote von Religions- und Weltanschauungsgmeinschaften können allerdings Pluralität in der modernen Gesellschaft fördern. LER ist ein neuer Weg, innerhalb der Schule die konfessionelle Spaltung aufzuheben, die Bevorzugung einer Religion oder Weltanschauung zurückzudrängen und die junge Generation werteerziehend zum Miteinander zu befähigen.

Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e. V. tritt grundsätzlich für die Trennung von Kirche und Staat, von Kirchen und staatlichen Schulen und für einen religions- und lebenskundlichen Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler ein, der den sich in Deutschland vollziehenden Entwicklungen zu einer multikulturellen Gesellschaft gerecht wird. Die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft und der damit verbundene Trend vieler Bürger zu konfessionell unabhängigen Weltsichten erhärten diese Forderung.

Seit 1993 unterstützt der DFW das Fach "Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde" (LER). Nur das in Brandenburg unterrichtete Pflichtfach LER ist zur Zeit von seinen Zielen, Intentionen und Inhalten her am besten geeignet, der in Deutschland existierenden Vielfalt an Kulturen, Religionen und Weltanschauungen und daraus resultierenden Erfordernissen zur Entwicklung von individueller Autonomie, sozialer und ethischer Kompetenz Rechnung zu tragen. Kein konfessioneller Religionsunterricht und kein Wahlpflichtbereich Religionsunterricht / Ethik / Philosophie kann diesen gesellschaftlichen Bedürfnissen umfassend gerecht werden.

Wir setzen uns für die Einführung eines solchen Unterrichtsfaches an allen staatlichen Schulen in den Bundesländern ein. Damit wäre eine Grundlage geschaffen für ein tolerantes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen in Gegenwart und Zukunft.

Verstärkt finden Menschen - meist auch jüngere - ihren Halt in extremistischen Gruppierungen oder in Sekten und Psychogruppen. Es erscheint mir ein immer aktueller werdendes Thema zu sein, wie man diesen Entwicklungen entgegentreten kann und welche humanistischen und demokratischen Alternativen wirkungsvollere Sinnangebote erzeugen und verbreiten. Es sollte dringend ein bildungspolitischer Grundsatz werden - gerade auch in der Schule -, demokratische Grundwerte zu leben und zu vermitteln, Extremismus, Terrorismus, Fremdenfeindlichkeit und Sektenaktivitäten zu entlarven und deren inhumanen Gehalt deutlich darzustellen. Natürlich ist mir bewusst, dass gesellschaftliche Bedingungen wie Massenarbeitslosigkeit, Existenzängste, Ausbildungsplatzmisere und Orientierungssuche dadurch nicht grundlegend geändert werden. Es müssen Strukturen gegen soziale Ungleichheit verändert werden. Doch die Bindung der Politik und Ökonomie auch an die Moral kann ein determinierender Faktor sein.

Fast alle sind darüber einig, dass Schule ein Ort sein muss, in dem die Schülerinnen und Schüler mit den grundlegenden Fragen des Lebens, seinen natürlichen und sozialen Bedingungen, mit Sinnfragen, mit Kultur, Geschichte, Sprache und Wissenschaft befassen können. In besonderer Weise ist es wichtig, soziale und ethische Kompetenzen, Konflikt- und Konsensfindungsfähigkeiten sowie das Bewusstsein von Eigenverantwortung für das eigene Denken und Handeln auszuprägen. Schule hat mit seinen pädagogischen und didaktischen Mitteln die Jugend auf das wirkliche und komplexe Leben vorzubereiten.

Die Rolle von Religionen und Weltanschauungen, ihrer Geschichte und ihrer Ethiken, zur Daseinsorientierung und Selbstfindung nimmt hier einen wichtigen Platz ein, der allerdings institutionell unterschiedlich bestimmt wird. Die christlichen Großkirchen (und auch andere Religionsgemeinschaften) sehen sich berufen, diese Aspekte menschlichen Lebens und Zusammenlebens von ihren weltanschaulichen Standpunkt und allgemeinverbindlich im Rahmen des konfessionellen Religionsunterrichts zum Gegenstand schulischer Erziehung zu machen. In den meisten Bundesländern wurde katholischer und evangelischer Religionsunterricht ordentliches Pflichtfach, für nichtchristliche Schüler wurden Ersatz- oder Alternativfächer eingeführt.

Es lässt sich feststellen, dass der konfessionelle Religionsunterricht der Trennung von Kirche und staatlicher Schule nicht entspricht. Gerade auch aufgrund der weltanschaulich-religiösen Entwicklungen und der ethisch-kulturellen Situation in Deutschland und in Europa ist es geboten, sich verstärkt Gedanken über neue bildungspolitische Wege religions- und lebenskundlichen Vermittelns in der Schule zu machen. Das praktizierte Modell konfessioneller Religionsunterricht / Ersatzfach ist nicht mehr zeitgemäß. Es ist ein überkonfessioneller und integrativer Unterricht, der die oben genannten Fragen behandelt, für alle Schülerinnen und Schüler - ohne sie aufgrund ihrer weltanschaulichen und religiösen Bindungen zu trennen - notwendig.

Die Erörterung von historischen und aktuellen Antworten auf Existenz- und Sinnfragen des Lebens und Überlebens, die Auseinandersetzung mit ethischen Problemen, Philosophien, Theologien und subjektiven Sinnfragen ist nach meiner Auffassung ein wesentliches Feld der Allgemeinbildung und damit eine wichtige Aufgabe der Schule. Daher ist der Zugang zu diesem Wissen für alle Schüler zu sichern. Die staatliche Schule soll mit einem überkonfessionellen Unterrichtsangebot die Schüler darin unterstützen, ihr Leben selbstbestimmt und verantwortlich zu gestalten, und ihnen helfen, sich in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft mit ihren vielfältigen Wertvorstellungen und Sinnangeboten zunehmend eigenständig und urteilsfähig zu orientieren. Dabei sind Grundlagen für eine werteorientierende Lebensgestaltung, von Wissen über philosophische Traditionen und Grundsätze ethischer Urteilsbildung sowie über Religionen und Weltanschauungen zu vermitteln.

Der DFW, andere freigeistige Verbände, so auch der Humanistische Freidenkerbund Brandenburg e. V. unterstützen seit Anfang an das dialogisch angelegte und integrativ konzipierte Unterrichtsfach "Lebensgestaltung / Ethik / Religionskunde" (LER) in den staatlichen Schulen Brandenburgs. Gerade die Werteerziehung, die Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturen und Ethiken, das Erfahren von unterschiedlichen Welt- und Lebensanschauungen und Religionen entspricht den Notwendigkeiten der Gegenwart. Hierbei alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihren konfessionellen Bindungen oder ihrer Konfessionslosigkeit zusammen zuführen, ermöglicht es, gemeinsam leben zu lernen.

Bedauerlicherweise erfüllt die reale Entwicklung in Brandenburg nicht alle Möglichkeiten, die LER bietet: Im Rahmenlehrplan sind vorwiegend christliche Inhalte konzipiert - kaum andere Religionen, atheistische, freidenkerische und freie humanistische Weltanschauungen gar nicht. Das Auftreten von authentischen Vertretern von freien Weltanschauungsgemeinschaften in LER erfolgt de facto nicht. Die LER-Abwahlklausel setzt das Fach mit Religionsunterricht indirekt gleich bzw. sieht LER eigentlich nur als Alternativfach. Die bisherige Beschränkung von LER auf die 7. bis 10. Klassen in nicht einmal allen Schulen verstärkt den Eindruck, dass die Landesregierung und Landespolitiker in Brandenburg das ordentliche Unterrichtsfach LER gar nicht wirklich wollen.

Unterschiede zwischen LER und Religionsunterricht liegen darüber hinaus in der für LER vorgeschriebenen weltanschaulichen Neutralität einerseits und der konfessionellen Gebundenheit des Religionsunterrichts andererseits. Dies bedeutet nach Auffassung der Katholischen Kirche: katholische Schüler, katholischer Lehrer und katholische Inhalte. Nach einer früheren Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum Charakter des Religionsunterrichtes wird der Kern des konfessionellen Religionsunterrichtes durch die Glaubenssätze der jeweiligen Konfession bestimmt, die "als bestehende Wahrheiten" zu vermitteln sind.

Religionsunterricht wird in Brandenburg in Verantwortung der Kirchen und Religionsgemeinschaften nach den von ihnen selbst bestimmten Grundsätzen schon ermöglicht, allerdings als freiwilliges Unterrichtsfach. Einen wichtigen Unterschied gibt es auch hinsichtlich der Wertbindungen des Unterrichts. Für den LER-Unterricht gelten wie für andere staatliche Schulfächer im Land Brandenburg die Wertsetzungen des Grundgesetzes, der Landesverfassung und des Schulgesetzes. Weiterhin erwähnen die "Unterrichtsvorgaben LER" die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die UN-Konvention über die Rechte des Kindes. Besondere Wertsetzungen einzelner Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen dürfen den LER-Unterricht nicht prägen. Dies gilt im Unterschied zum Religionsunterricht, der sich verbindlich auf die jeweiligen Religionen bzw. die der Konfession eigenen Werte bezieht.

Die Unterschiedlichkeit der LER und Religionsunterricht zugrundeliegenden Auffassungen und Wertbindungen hat Auswirkungen auf die Zulassung der Lehrerinnen und Lehrer für den Unterricht. Lehrer für das Fach LER kann im allgemeinen jeder Lehrer werden, der erfolgreich die mehrjährige Weiterbildung absolviert, unabhängig davon, ob er sich z. B. als Christ oder als Atheist versteht. Er muss bereit sein, den Unterricht weltanschaulich neutral auf der Basis der genannten allgemeinen Wertgrundlagen für staatlichen Unterricht durchzuführen und sich den besonderen persönlichen und didaktischen Anforderungen des LER-Unterrichts zu stellen.

Wir benötigen ein schulisches Pflichtfach mit dialogischem Charakter wie LER in Brandenburg, das die Schülerinnen und Schüler nicht nach ihrer konfessionellen Zugehörigkeit und Konfessionsfreiheit trennt, sondern gemeinsam leben lernen lässt. Der Religions- und Ethikunterricht in den anderen Bundesländern trennt die Schüler voneinander und ermöglicht die direkte und privilegierte Einflussnahme der Kirchen auf der Schule. LER wird weltanschaulich neutral durchgeführt; keine einzelne Religion oder Weltanschauung determinierte die Wertbindung oder bestimmt die alleinige Wahrheit. LER ist auch kein neuartiger Ersatzunterricht "Ethik", denn in LER werden werteorientierende Fragen der Lebensgestaltung von Menschen in den Mittelpunkt gestellt, in die die ethische Urteilsfähigkeit und Religionskunde integriert sind.

Bei allem Streit, der um LER läuft, erscheint ein Paradigmenwechsel in bezug auf die Stellung des konfessionellen Religionsunterrichts in Deutschland und die Notwendigkeit eines neuen integrativen Unterricht wie z. B. LER angezeigt und geboten. Der historische Verdienst von LER liegt vor allem in dem Versuch, einen neuen Weg beschritten zu haben, auch wenn manch Wunsch offen bleibt.

Die Werteerziehung in Schule solle sich frei von konfessioneller Bindung für die Schülerinnen und Schüler und für die Lehrerinnen und Lehrer gestalten. LER ist hierfür ein Modell.

Der aktuelle Stand zu LER in Brandenburg wird durch die Auseinandersetzungen um den Vergleichsvorschlag des Bundesverfassungsgerichts geprägt. Der DFW begrüßt grundsätzlich den am 11.12.2001 bekannt gegebenen Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes, in dem es heißt: "Die Regelungen über das Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde in § 11, Abs. 2 bis 4 des Brandenburgischen Schulgesetzes bleiben unberührt." Damit hat das Bundesverfassungsgericht für die gesamte Bundesrepublik deutlich gemacht, dass das Fach LER vollumfänglich grundgesetzgemäß ist und die Klagen der CDU/CSU, der Eltern und der beiden Kirchen gegen dieses Fach unberechtigt waren. Bekenntnisgebundener Religionsunterricht im Land Brandenburg wird auch künftig kein staatliches, ordentliches Unterrichts- und Wahlpflichtfach.

Nach Bestätigung von LER als Pflichtfach durch das Bundesverfassungsgericht erwarten wir nunmehr die zügige Einführung von LER auch in den Klassen 5 und 6 sowie in der gymnasialen Oberstufe. Dringlich ist die Aufstockung von Mitteln für die Lehrerweiterbildung im Landeshaushalt, damit in spätestens drei bis vier Jahren die Flächendeckung des LER-Unterrichts für Brandenburg erreicht werden kann.

Für die Verhandlungen zwischen Landesregierung, Parteien und Kirchen zu konkreten Regelungen des freiwilligen konfessionellen Religionsunterrichts sehen wir folgende Gesichtspunkte /3/:

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Abschaffung der Abmeldeklausel von LER: Eine Abmeldeklausel von einem allgemeinbildenden Pflichtfach wie LER ist nicht plausibel. Ein Bekenntnisunterricht kann und soll kein Ersatz für ein allgemeinbildendes Fach sein. Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Gunter Fritsch hat in der Landtagsdebatte am 24. Oktober 2001 z. B. zu Recht darauf hingewiesen, dass LER ein wissensvermittelndes Fach "wie Mathematik, Physik oder Geschichte" sei und deshalb ein "Abwahlverfahren da auf Dauer" eigentlich nicht hingehöre.

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Keine Sonderkonditionen für Gruppenstärken bei staatlich zu 90% mitfinanziertem Bekenntnisunterricht gegenüber normalen Schulfächern. Das heißt, wenn im Religionsunterricht mit öffentlichen Geldern künftig Gruppengrößen ab 12 Teilnehmern ermöglicht werden, muss dies auch für bestimmte ordentliche Schulfächer wie z. B. LER ermöglicht werden.

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Staatliche Zeugnisnoten im bekenntnisgebundene Religionsunterricht fragwürdig: Leistungen in einem Bekenntnisunterricht, der zudem in Brandenburg kein ordentliches Lehrfach ist, sollten keinen Einfluss auf Versetzung sowie die Schul- und Berufslaufbahn haben.

bullet Auswirkungen von Schulgesetzveränderungen auch für andere Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften: Hinsichtlich der Finanzierung und aller weiteren vom BVG vorgeschlagenen Regelungen für konfessionellen Religionsunterricht werden die Landespolitiker zu bedenken haben, dass die für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht ermöglichten Bedingungen wegen des Gleichbehandlungsgebots des Grundgesetzes (Art. 3,4,140 GG etc.) automatisch auch für alle anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Geltung treten. So werden z. B. der Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg als Weltanschauungsgemeinschaft sowie christlich-orthodoxe, jüdische, islamische und buddhistische Religionsgemeinschaften gleiche Rechte erhalten müssen.

In einem Interview des Tagesspiegels vom 17. Dezember 2000 mit dem evangelischen Landesbischof Dr. Wolfgang Huber unter dem Titel "Religionsunterricht ist keine Missionierung" erklärte dieser u.a.: "Jeder in Berlin und Brandenburg muss wissen, dass der Religionsunterricht für uns keine unmittelbar missionarische Veranstaltung ist. Religionsunterricht ist ein Teil des schulischen Bildungsauftrages."

Wie demgegenüber dem Religionsunterricht eine besondere Funktion bei der Missionierung von noch "Ungläubigen" zugemessen wird, zeigen die folgenden Auszüge aus kirchlichen Dokumenten, Interview und aus der Publikationen von Bischof W. Huber /4/. Die Neudefinition des "Bildungsauftrags" der Kirchen angesichts des Übergangs in "eine missionarische Situation":

1. Aus einem Beschluss der Kirchenleitung Berlin-Brandenburg vom 16.09.1994: "Die Bildungsangebote der Kirchen müssen die inneren und äußeren Veränderungen berücksichtigen, die die Einstellung vieler Menschen zur Kirche prägen. Für immer weniger Menschen ist die Zugehörigkeit zur Kirche selbstverständlich vorgegeben; immer mehr Menschen fragen nach guten Gründen dafür. Dabei wird nicht mehr nur gefragt, ob es sinnvoll ist, in der Kirche zu bleiben. Neben dieser Frage gewinnt die andere Frage an Gewicht, welchen Sinn es hat, Glied der Kirche zu werden. Darin zeigt sich, daß die Kirche aus einer überwiegend volkskirchlichen Situation in eine zu erheblichen Teilen missionarische Situation übergeht. Das wirkt sich auf ihren Bildungsauftrag aus. Zu ihm gehört in verstärkten Maße die Aufgabe, Menschen einsichtig zu machen, warum der Glaube nicht nur ein Element, sondern der Grund ihrer Lebenspraxis sein kann, oder anders: was es heißt, aus Glauben zu leben." (Aus : Der Bildungsauftrag der Kirche und ihre Mitverantwortung im öffentlichen Bildungswesen. Berlin 1994)

2."Die missionarische Offensive steht aus...": Schulen und Lehrer als "Ziele einer missionarischen Strategie in Ostdeutschland": Aus einer Studie der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) 1996: "Die missionarische Offensive steht aus, und die ostdeutschen Kirchen sollten sehen, daß die Orientierung an einer bekenntnistreuen Minderheit die Gefahr in sich birgt, denen, die an christlichen Religion auf andere Weise partizipieren möchten oder können, den christlichen Glauben vorzuenthalten."

"Die Medien, die Schulen und Ausbildungsstätten, die Bundeswehr, die Polizei, die Lehrerschaft, kulturelle Bereiche, Freizeit, Informationssysteme, Datennetze, die Wirtschaft, der Dienstleistungsbereich, die Parteien und andere Interessengruppen wären als Ziele einer missionarischen Strategie in Ostdeutschland zu definieren." (Quelle: Erhard Neubert: "gründlich ausgetrieben." - Eine Studie zum Profil und zur psychosozialen, kulturellen und religiösen Situation von Konfessionslosigkeit in Ostdeutschland und den Voraussetzungen kirchlicher Arbeit (Mission) / Hg.: Evangelische Kirche in Deutschland, Studien- und Begegnungsstätte Berlin. - Berlin 1996, S. 95, 104)

3. "Reden von Gott in der Welt - Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend": Aus dem gleichnamigen Beschluss der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vom November 1999: "Alle Bemühungen um den missionarischen Auftrag fangen damit an, zu erkennen und zu beschreiben, wie schön, notwendig und wohltuend die christliche Botschaft ist."... "Besondere Aufmerksamkeit verdient der Bildungsbereich: Einrichtungen der Elementarerziehung, Schulen, Akademien u. a.. In Erziehung, Bildung und Unterricht geschieht die Weitergabe des Glaubens inmitten von Lebensfragen. Hier wird der Glauben lebensbegleitend weitergegeben, es wird persönliche Begegnung mit dem Evangelium angebahnt..." (Quelle: EKD-Beschluss im Rahmen der 4. Tagung der 9. Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands vom 7.-12. November 1999 in Leipzig)

4. Konfessionslose Schüler im Religionsunterricht als Adressaten von Mission: Landesbischof Renz im Gespräch mit dem Dt. Allg. Sonntagsblatt: "Jeder Glaube ist absolut" - Streitfall Mission: Kirchenkritiker wittern da Intoleranz und "kulturellen Imperialismus". Württembergs Landesbischof rückt die Möbel gerade (Auszüge):

DAS: Den einen gilt sie als Bauernfängerei, die anderen sehen sie als unverzichtbaren Bestandteil christlichen Lebens. Wie Mission lebendig bleibt, begründet ein Praktiker...

DAS: Mittlerweile ist Deutschland selber zum Missionsland geworden. Im Osten sind rund 70 % konfessionslos, im Westen ist der Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft nach dem Christentum. Wem sollte sich denn die christliche Mission zuwenden, den Suchenden, das heißt denen, die keine Religion haben, oder auch den Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften?

Renz: "Wenn ich von meinem Christsein überzeugt bin, dann erzähle ich davon allen Menschen. Wobei es natürlich Unterschiede gibt. Denn mit den Juden glaube ich als Christ an denselben Gott. Dies kann ich nicht von Muslimen oder Hindus sagen. Im Übrigen, gerade in Ostdeutschland, wo die Kommunisten den Leuten das Christentum ausgetrieben haben, werden Christen natürlich gefragt, warum sie glauben. Und ich weiß aus der thüringischen Landeskirche, der Partnerkirche von Württemberg, vom großen Interesse vieler konfessionsloser Schüler am Religionsunterricht. Wenn aber viele Menschen sich für unseren Glauben interessieren und danach fragen, wäre es doch fatal, wenn wir schweigen würden." (Nr. 22/2000 vom 2. Juni 2000)

5. Religionsunterricht in Berlin - Brandenburg im Kontext einer "missionarischen Situation": Am 18. November 2000 beschließt die Landessynode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg "Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer Situation". Leitlinie 5 heißt "Glaubenswissen weitergeben" und beinhaltet u. a. folgende Aufgabenstellung: "Die Mitwirkung im öffentlichen Bildungswesen (Religionsunterricht) muß weiter ausgebaut werden." (Quelle: Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer Situation. - Berlin 2001, S. 18)

6. "Nichts ist dringlicher als Mission" - Zwischentitel aus einem Interview der Nachrichtenagentur idea mit Bischof Huber im Oktober 2001.... idea: ... Wann immer in der EKD ihr Name erwähnt wird, heißt es immer häufiger, Sie hätten sich geändert, seien, nachgedunkelt. Kaum ein anderer Bischof rede so viel von der Notwendigkeit der Mission und eines Kurswechsels im Protestantismus wie Sie. Haben Sie ein Saulus-Paulus-Erlebnis gehabt?

Huber: Ich bin als Bischof einer Kirche berufen worden, die von der Säkularisierung so massiv betroffen ist, wie ich das nie zuvor erlebt und auch nicht vermutet habe. Die Erfahrungen im Bischofsamt haben mir gezeigt, daß nichts dringlicher ist als Mission....." (Quelle: http://ekibb. weitblick. de/info. vortrag/wdss. 285)

Literaturquellen:

/1/ Vgl.: Peter Schreiner (Hg.): Religious Education in Europe. Münster 2000; Religionen und wertebezogene Bildung in der Schule. Hrsg. v. F.-Ebert-Stiftung. Berlin 2000; Wolfgang Edelstein/ Fritz Oser/ Peter Schuster (Hg.): Moralische Erziehung in der Schule. Weinheim und Basel 2001; Dieter Fauth: Religion als Bildungsgut - Sichtweisen weltanschaulicher und religiöser Minderheiten. Würzburg 1999.

/2/ Vgl.: Volker Mueller (Hg.): Werteerziehung in der Schule - LER und Alternativen zum Religionsunterricht. In: Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 16. Berlin Hannover 2002; Fritz Bode/ Volker Mueller (Hg.): Religionsunterricht und/ oder LER? Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 10. Pinneberg 1997; Wolfgang Edelstein u.a.: Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde. Zur Grundlegung eines neuen Schulfaches. Weinheim und Basel 2001; SPD-Landtagsfraktion (Hg.): 22 Fragen und Antworten zu LER. Potsdam 1996.

/3/ Vgl.: Presseerklärung „Erfolg für LER vor dem Bundesverfassungsgericht“ vom 12.12.2001 des LER-Fachverbandes e.V.; vgl. auch: LER im Dialog. Hrsg. v. GEW und Fachverband LER. Potsdam 2000.

/4/ Ich danke Gerd Eggers für die gute Zusammenstellung der folgenden Texte zur Evangelischen Kirche.