LER-Gutachten

des Wissenschaftlichen Beirats

 

Aktuelle Informationen

 

 

§             Presseerklärung des Fachverbands LER

      vom 9. November 2001

 

 

§             Fachtagung an der Universität Potsdam

      am 14. November 2001 (Programm)

 

 

 

Hintergrundinformationen:

 

§              Die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats LER

 

§              Inhaltsübersicht der Publikation des Gutachtens

 

§              Pressemeldung und Auszüge aus dem Gutachten 

 

 

November 2001


 

 

 

                    

LER

 

 

 
Fachverband

 

Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde

 

 

 

 

Presseerklärung

 

 

LER-Gutachten

des wissenschaftlichen Beirats

 

Fachverband LER e.V. 

 - Geschäftsstelle -

Libellenweg 4

14776 Brandenburg

 

Tel./Fax:  (03381) 66 28 98

 

Mitglied im

Bundesverband Ethik e.V.

 

 

 

Meilenstein für die Weiterentwicklung des Schulfaches LER

 

Anläßlich der öffentlichen Vorstellung dieses Gutachtens einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftlern im Rahmen einer Fachtagung an der Universität Potsdam am 14. November 2001 nimmt der Fachverband LER als Zusammenschluß von Lehrkräften und Unterstützern des neuen Schulfaches zu dessen Ergebnissen wie folgt Stellung: 

 

Mit seiner umfänglichen Expertise zum Schulfach “Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde” (LER) hat der Wissenschaftliche Beirat beim Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg eine Publikation vorgelegt, die bundesweite Beachtung verdient.  Der Fachverband LER sieht dieses Gutachten als einen Meilenstein für die wissenschaftliche Grundlegung des Faches LER an.

 

Die Experten stellen die innovative Bedeutung des Faches LER heraus, begründen seine Ziele und Inhalte und klären eine Reihe bisher strittiger Fragen zur Grundlegung des Faches, zu den  Bezugswissenschaften und zur Religionskunde als gemeinsamem Bildungsgut für alle Schüler. In einer Implementationsanalyse setzen sich die Wissenschaftler kritisch mit Defiziten der Einführung und Entwicklung des Faches LER auseinander. Ergebnisse einer umfangreichen Befragung von Schulleitern und von LER-Lehrkräften zeigen Entwicklungsfortschritte und Probleme von LER in der Schulpraxis auf. Im Ergebnis seiner Untersuchungen gibt der Beirat eine Reihe von Empfehlungen zum Ausbau des Faches.

 

Bildungspolitische und pädagogische Empfehlungen

 

Nachdrücklich unterstützt der Fachverband LER folgende Empfehlungen des Expertengremiums zum Ausbau des Faches LER, die in einem eigenständigen umfangreichen Teil des Gutachtens vorgetragen und begründet werden:

·         die weitere Einführung von LER in den Klassen 7 – 10 durchgängig mit 2 Wochenstunden,  

·         die Einführung von LER in den Klassen 5 – 6 mit 3 Wochenstunden,

·         die Erarbeitung eines neuen Rahmenplans auf der Basis der praktischen Erfahrungen sowie der wissenschaftlichen Grundlagen des Faches,

·         eine zentrale Sammlung von Lehrmaterialien zu den Bereichen “Lebensgestaltung”, “Ethik” und “Religionskunde”,

·         die Entwicklung spezifischer Unterrichtsmaterialien für LER und

·         die baldige Einrichtung eines grundständigen Studienganges an der Universität Potsdam.

 

Der Fachverband erwartet von der Landesregierung Brandenburg und besonders von der SPD als größter Regierungspartei in Brandenburg die Bereitstellung der erforderlichen Gelder, gerade auch für die Qualifizierung der Lehrkräfte, um die erfolgreiche Einführung von LER zügig fortsetzen zu können.

 

Peter Kriesel, Vorsitzender des Fachverbandes            Brandenburg/Havel, 9. November 2001

 Fachtagung an der Universität Potsdam am 14. November 2001

 

 

 

Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde (LER)

Zur Grundlegung eines neuen Schulfachs

 

Tagung des Studiengangs LER

 

 Ort: Max-Planck-Campus Golm, Zentralgebäude Hörsaal, Am Mühlenberg 1,

14476 Golm  -  Ansprechpartner: Frau Rosenfeld, Tel. 0331 / 977-1325

 

  9.00 Uhr                        Begrüßung durch  Prof. Dr. Christoph Menke und Grußworte von

                                        Steffen Reiche, Minister für Bildung, Jugend und Sport und

                                         Prof. Dr. Wolfgang Edelstein, Vorsitzender des Wiss. Beirats LER

 

  9.30 – 11.00 Uhr         LER als wissenschaftlich fundiertes Schulfach. Die Basisstrukturen

                                        von LER: Vortrag und Diskussion / Prof. Dr. Fritz Oser

 

11.00 – 11.30 Uhr         Kaffeepause

 

11.30 – 13.00 Uhr         Was leisten die Basistrukturen für LER?: Diskussion in der

                                        “fish-bowl” mit Prof. Edelstein, Dr. Fauth, Prof. Grözinger,

                                        C. Gruhne, E.-M. Kenngott, P. Kriesel, Prof. Menke, Prof. Oser

                                        Moderation: Imma Hillerich, MBJS

 

13.00 – 14.00 Uhr         Mittagspause

 

14.00 – 15.30 Uhr         “Du sollst ...” – Kann man noch so zu Schülern sprechen?

                                        Zum Problem der Vermittlung von moralischen Werten:

                                        Vortrag und Diskussion / Prof. Dr. Ferdinand Fellmann

 

15.30 – 16.00 Uhr         Kaffeepause

 

16.00 – 17.30 Uhr         Religion und Lebenswelt – Überkonfessionelle Religionskunde und

                                        Werteerziehung: Vortrag und Diskussion / Prof. Dr. Karl E. Grözinger

 

gegen 17.30 Uhr           Schlußwort von Prof. Dr. Christoph Menke

 

 

 

 

Die Mitglieder des Wiss. Beirats und Mitautorinnen des LER-Gutachtens:

 

·         Prof. Dr. Wolfgang Edelstein     em. Direktor des Max-Planck-Instituts f. Bildungsforschung Berlin,

·         Prof. Dr. Karl E. Grözinger        Institut f. Religionswissenschaft/Jüdische Studien, Univ. Potsdam,

·         Dr. Sabine Gruehn                     Institut für Schulpädagogik, Humboldt-Universität zu Berlin,

·         Imma Hillerich                            Ministerium für Bildung, Jugend und Sport d. Landes Brandenburg

·         Prof. Dr. Bärbel Kirsch              Institut für Psychologie, Universität Potsdam,

·         Prof. Dr. Achim Leschinsky       Institut für Schulpädagogik, Humboldt-Universität zu Berlin,

·         Prof. Dr. Jürgen Lott                  Fachbereich Religionswissenschaft, Universität Bremen und

·         Prof. Dr. Fritz Oser                    Ordinarius für Pädagogik und Pädagogische Psychologie, Departement Erziehungswissenschaften, Universität Fribourg/Schweiz

 

 

Inhaltsübersicht der Publikation des Gutachtens

 

 
Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde (LER)
Zur Grundlegung eines neuen Schulfachs: Analysen und Empfehlungen
 
vorgelegt von Wissenschaftlichen Beirat LER
Weinheim; Basel: Beltz-Verlag, 2001. – 295 S. ISBN: 3-407-32001-9, DM 68,-
(auch als Sonderdruck beim Bildungsministerium)

 

 

Vorwort

 

Einleitung

 

1. Der historische und fachliche Kontext von LER

Voraussetzungen in Gesellschaft und Schule – Die Genese in der Schulkritik der DDR-Dissidenten – Die Etappen der Versuchsphase: Modellversuch und Schulversuch – Die gegenwärtige Situation: Status und Perspektiven von LER – LER in der Diskussion um Religionsunterricht und Werteerziehung

 

2. Inhalt und Struktur des Fachs LER

Leitideen und Ziele – Basisstrukturen – Bezugswissenschaften – Exkurs: Religionen im Bildungsauftrag der Schule

 

3. Aspekte einer Didaktik für LER

Einleitende Bemerkungen – Curriculumspirale – Choreographien des Unterrichts – Diskursdidaktik

 

4. Zur Implementation von LER

Der situative Kontext – Die Erweiterung der Selbständigkeit für die einzelne Schule – Die untere Schulaufsicht als Kontroll- und Beratungssystem – Der Platz in der schulischen Stundentafel – Die zeitliche Perspektive – Aus-, Fort- und Weiterbildung – Rahmenpläne und Unterrichtsmaterialien – Berichterstattung und Evaluierung – Schlußfolgerungen

 

5. Empfehlungen

... zur Einführung von LER in den verschiedenen Schulstufen – zur Stundentafel und zur Arbeitsform für LER – zur Leistungsbewertung – zu Lehrmitteln und Unterrichtsmaterialien – zur Lehrerbildung für LER – Anmerkungen zur Entwicklung eines Rahmenplans

 

6. Das Unterrichtsfach LER im Spiegel einer empirischen Untersuchung

Zielsetzung und Anlage der wissenschaftlichen Untersuchung – Durchführung der Befragung – Schulische und außerschulische Rahmenbedingungen ... – Ziele und Orientierungen der LER-Lehrkräfte – Unterrichtsthemen ... – Zusammenfassung 

 

Ausblick

 


 

 

Pressemeldung und Auszüge aus dem Gutachten

 

 

 

Aus: Potsdamer Neueste Nachrichten, 6. Oktober 2001 

(Abschrift des Artikels und der nachfolgenden Auszüge)

 

 

Wissenschaftler für Ausweitung des LER-Unterrichts

Neues Gutachten des Fachbeirates für das Schulfach Lebensgestaltung, Ethik, Religion


 

 


 

Potsdam (PNN/thm). Rückendeckung von Experten für Brandenburgs umstrittenes Schulfach Lebensgestaltung/Ethik/Religi-onskunde (LER), das bislang ein Novum in Deutschland ist, sorgt für Streit in der Großen Koalition und mit den Kirchen: In einem jetzt publizierten Gutachten hat der LER-Fachbeirat aus renommierten deutschen Erziehungswissenschaftlern eine Ausweitung des LER-Unterrichts an Brandenburgs Schulen empfohlen - flächendeckend, als reguläres Fach in den Klassen 5 bis 10. Dies könne ganz unabhängig vom Ausgang der Verfassungsklage von großen Kirchen und CDU/CSU-Bundestagsfraktionen in Karlsruhe angepackt werden, so das Beratungsgremium, das LER in der Praxis verfolgt. Bislang wird das Fach lediglich von Klasse 7 bis 10 unterrichtet, aus Lehrer- und Geldmangel allerdings nicht flächendeckend. Auch der Fachbeirat stellt fest, dass von einer "spürbaren Präsenz des Faches noch "keine Rede" sein kann.

  Pikant: Die Präsentation der 295-Seiten-Expertise, die schon seit Monaten im Bildungsministerium von Steffen Reiche (SPD) vorliegt, war - wohl aus Rücksichtnahme auf knappe Kassen und den LER-kritischen Koalitionspartner - mehrfach vertagt worden: Inzwischen ist das LER-Gutachten als Buch im Handel (Beltz-Verlag) erschienen.

   Für das Autorenteam um Professor Wolfgang Edelstein, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, ist die Einführung des neuen Faches LER als werteklärendes und werteerziehendes Fach ein "großes Projekt", zu dem es in der jüngeren Entwicklung "nichts Vergleichbares" gibt. Der Krieg gegen LER, der im Schatten der Auseinandersetzung um den Status des Religionsunterrichtes im Land geführt werde, sei ein "Verwirrspiel mit verkehrten Fronten", klagt Edelstein in seinem Richtungsbeitrag. Denn LER sei "weder Religionsunterricht noch Ersatz für diesen". Und der Ausgang in Karlsruhe berühre gar nicht die Existenz des Faches, sondern allenfalls das Konzert der Fächer, in dem LER künftig unterrichtet wird. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Wissenschaftler, die ins Stocken geratene Einführung des neuen Unterrichtsfachs zu beschleunigen.

   Bislang wird LER in 70 Prozent der 7. Klassen, 54 Prozent der 8. Klassen, 12 Prozent der 9. Klassen und sechs Prozent der 10. Klassen unterrichtet. Daher liege es auf der Hand, so die Experten, dass der Ausbau in den Klassen 9 und 10 vordringlich sei. Danach sollte der Ausbau in den Klassen 5 und 6 beginnen. Gleichzeitig warnt das Gutachten, dass das Fach durch eine zu geringe Stundenzahl ins Leere laufen könne und mahnen ein grundständige Ausbildung von LER-Lehrern an der Potsdamer Universität an. Bislang können sich nur Lehrer weiterbilden lassen.

  Die Empfehlungen des LER-Fachbei-rates setzen Bildungsminister Steffen Reiche und die SPD unter Druck - das Fach gilt als Flaggschiff sozialdemokratischer Schulpolitik. Denn gegen eine Ausweitung von LER wehrt sich nicht nur die CDU - es fehlt das Geld. Auch das Gutachten verweist darauf, dass "die Bereitstellung der erforderlichen Ressourcen" die Politik vor "ernsthafte Herausforderungen" stellt, da die Kosten "erheblich" seien. So werde die Einführung von LER anders als anderen Schulreformen nicht "friedlich und unbemerkt" über die Bühne gegen können. Der nüchterne Ausblick: Die Politik, die Administration, die Schule selbst werden sich "nachdrücklich für die Reform einsetzen müssen", und zwar nicht nur wegen der LER-Gegner, sondern auch gegen die Trägheit im Schulsystem. Da "die Widerstände eher wachsen", sei "langer Atem" nötig sei.

 

 

 

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Dokumentation
 
“LER ist ein großes Projekt”

 

Auszüge aus dem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates

für das Schulfach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde

 


 

   Potsdam (PNN). Dem vom Bildungsministerium berufenen Beirat gehörten folgende Wissenschaftler an: Die Professoren Wolfgang Edelstein (Entwicklungs-und Moralpsychologe / Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin) und Achim Leschinsky (Erziehungswissenschaftler / Humboldt-Universität zu Berlin), die Professorin Bärbel Kirsch (Psychologie) und der Professor Karl-Erich Grözinger (Religionswissenschaftler / Universität Potsdam) sowie die Professoren Jürgen Lott (Religionspädagoge / Universität Bremen) und Fritz Oser (Erziehungswissenschaftler / Universität Fribourg, Schweiz). Weiterhin arbeiteten an dem Gutachten mit: Dr. Sabine Gruehn (Erziehungswissenschaftlerin / Humboldt-Universität) und Imma Hillerich (Bildungsministerium).

 

   Dissidenten und evangelische Kirche der DDR als Initiatoren von LER

   “Die (Vor-)Geschichte von LER begann Ende der achtziger Jahre im Rahmen von Überlegungen zur Schulreform in der DDR. Basisdemokratische Initiativgruppen wie der “Unabhängige Interessenverband für eine demokratische Bildung und Erziehung” oder die “Volksinitiative Bildung” entwickelten Vorstellungen für eine innere Schulreform. Hinzu kamen bildungspolitische Aktivitäten aus Kreisen der Bürgerbewegung, der evangelischen Kirche sowie des Freidenkerverbandes. Im November 1989 wurden auf einem von der “Volksinitiative Bildung” eingeladenen Forum “Bildungsnotstand” Reformen der Bildung und Erziehung in der DDR erörtert.

   Auch die Kirchen nahmen an dieser bildungsreformerischen Diskussion teil und beschäftigten sich dabei auch mit Fragen religiöser Bildung. Den konfessionellen Religionsunterricht in der Schule sahen sie zunächst nicht als erforderlich oder gar als Priorität an. So heißt es in einem Brief des Bundes der Evangelischen Kirchen von Mai 1990 an den letzten Bildungsminister der DDR, Prof. Dr. Meyer (jetzt Wissenschaftsminister in Sachsen): “Beim Bedenken der Frage ist deutlich geworden, dass der Religionsunterricht in der Bundesrepublik von einem volkskirchlichen Hintergrund ausgeht. Durch die über vierzigjährige DDR-Geschichte ist es bei uns zu einer mehrheitlich säkularen gesellschaftlichen Situation gekommen. Damit ist keine Vergleichbarkeit zur schulischen Situation in der Bundesrepublik gegeben, in die der Religionsunterricht eingebunden ist.” So wurde zwar ein Fach Ethik als Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler gewünscht, zum Religionsunterricht aber festgestellt: “Unter den derzeitigen Voraussetzungen sehen wir für die Einführung des Religionsunterrichts keinen Handlungsbedarf.” ...

   Für die erste brandenburgische Bildungsministerin, Marianne Birthler (Bündnis 90), lag es auch aufgrund ihrer Biographie – sie war Katechetin und in der Wende Mitglied des Runden Tisches Bildung – nahe, dass sie die beschriebenen bildungsreformerischen Impulse der Endzeit der DDR und der Wende weiterführen wollte. Bereits in der Koalitionsvereinbarung von November 1990 der ersten Brandenburgischen Landesregierung aus SPD, FDP und Bündnis 90 wurden die Weichen für die Beziehungen zwischen Kirchen und Staat im Bereich der Schule gestellt. Dort wurde festgelegt, “an den Schulen einen breit angelegten Unterricht in Religions- und Lebenskunde durchzuführen, die konfessionelle Unterweisung aber in Verantwortung der Kirchen zu belassen”. Die darin enthaltene Absage an den konfessionellen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach (Art. 7 Abs. 3 Satz 1 GG) wurde und wird begründet mit der Möglichkeit, für das Land Brandenburg den Artikel 141 des Grundgesetzes in Anspruch zu nehmen, wonach die in Artikel 7 des Grundgesetzes getroffene Festlegung zum Status des Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach keine Anwendung in einem Land findet, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand ...

   Die Entwicklung der vergangenen 50 Jahre hat den Kirchen dieses Monopol auf die Auslegung des Lebenssinns und die Ausbildung des Gewissens in der Schule streitig gemacht. Die Säkularisierung hat große Teile der Bevölkerung gegen die Kirchen gleichgültig gemacht und, trotz ihrer Präsenz in den Schulen, gegen die christliche Botschaft -–vielleicht gegen explizit religiöse Weltauffassungen überhaupt – immunisiert. Die Kirchen besitzten nicht mehr die kulturelle Hegemonie transzendentaler Sinnauslegung. Viele Schüler sind aus dem Religionsunterricht ausgewandert. Für diese wurde ein – in vieler Hinsicht unbefriedigendes – Ersatzfach “Ethik” (oder Äquivalente dieses Fachs) eingerichtet. ...

   Auch unabhängig von den Säkularisierungsprozessen hat die kulturelle Einheitlichkeit der fünfziger Jahre einer weitgehenden Pluralisierung der Lebenswelten Platz gemacht. Die Einwanderung hat Millionen Menschen aus fremden Kulturen und anderen Religionen ins Land und in die Schulen gebracht. Sie werfen die Frage nach interkultureller Verständigung, einer andere Traditionen einbeziehenden normativen Bildung, einer Moral des Respekts und der Verständigung auch mit dem Fremden, sowie einer weltanschauungsübergreifenden Diskursfähigkeit auf.”

 

   Analyse

  “LER ist weder Religionsunterricht noch Ersatz für diesen. LER ist aber auch nicht mit ‚Ethik” identisch, dem in den meisten Bundesländern verpflichtenden Ersatz- bzw. Alternativfach, ... deckt sich ... aber auch nicht mit ‚Philosophie” oder ‚Philosophieren mit Kindern”, wie sie in einigen Bundesländern ersatz- bzw. wahlweise zum Religionsunterricht angeboten werden. LER stellt einen Versuch dar, auf aktuelle bildungspolitische, historische und kontextuelle Herausforderungen ... mit der Einführung eines allgemeinbildenden Schulfachs zu reagieren.

Als neues Fach soll LER an einer Aufgabe mitwirken, die im Gesamtkontext von Schule zunehmend Bedeutung gewinnt: neben der die Identität der Jugendlichen stützenden Entwicklung und Stabilisierung und der Vermittlung der Kompetenz, eigene Wertentscheidungen treffen zu können, Schülerinnen und Schüler auf die Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller und religiös/weltanschaulicher Prägung vorzubereiten und Voraussetzungen für gegenseitiges Verstehen zu schaffen. ... ”Der gemeinsame Unterricht in LER überwindet die tradierte Trennung der Schüler im Religions- und Ethikunterricht.

 

   Der Name ist Programm

   “Lebensgestaltung” signalisiert, dass sich Kinder und Jugendliche in diesem Fach mit Fragen der Gestaltung sozialer Beziehungen und der Lösung von Konflikten, mit Freundschaft, Liebe und Zusammenleben, mit Identitätsfindung und Lebenszielen, Selbsterkenntnis und Selbstveränderung, mit der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, mit der Bewältigung von Leid, Sterben und Tod beschäftigen.

   “Ethik” als Element von LER meint vor allem den Wertaspekt der sozialen und persönlichen Probleme, die mit der Dimension ‚Lebensgestaltung” angesprochen sind. In ‚moralischen Diskussionen” über die Implikationen persönlicher oder typischer sozialer Probleme soll aus dem Blickwinkel persönlicher Erfahrung gelernt werden, Perspektiven zu wechseln, moralische Urteile zu treffen und zu begründen und beabsichtigte wie unbeabsichtigte Konsequenzen abzuwägen.

   Mit der Nennung von “Religionskunde” wird deutlich gemacht, dass Religionen und religiöse Bezüge unter allgemeinbildenden Aspekten eine Rolle spielen, weil weder die eigene noch fremde Kulturen noch die Entstehung und die Hintergründe für das Zusammenleben zentralen Werte und Normen ohne religionskundliches Grundwissen angemessen zu verstehen wären. ... “

 

   Religionskunde gehört zur Allgemeinbildung im 21. Jahrhundert

   “Die öffentliche Schule ist zwar religionsneutral, sie hat aber die Verpflichtung, Kindern und Jugendlichen am Beginn des 21. Jahrhunderts die Traditionen und Weltsichten verschiedener in unserer gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit vorfindlicher Ethnien, Religionen und Kulturen als Bestandteil schulischer Allgemeinbildung zu vermitteln. So wie muslimische Kinder zum Beispiel lernen sollen, wie das Judentum und das Christentum entstanden sind, welche religiösen, politischen, ökonomischen, kulturellen und wissenschaftlichen Folgen es hatte und hat, so haben christliche oder nichtreligiöse Kinder dies vom Islam zu lernen. Denn der Islam gehört zur Weltkultur, zur politischen Geschichte, zur Geschichte der Wissenschaft, zur Kunst und zur Kultur.”

   Im LER-Unterricht “geht es keineswegs primär um die Vorführung des Fremden und Exotischen, sondern um solche religiöse und weltanschauliche Gruppen und Orientierungen, die im gesellschaftlichen Umfeld begegnen. Konkret bedeutet das die Präsenz und den Einfluß der großen Religionen in Europa, neben dem Christentum das Judentum, der Islam, der Buddhismus und gegebenenfalls der Hinduismus in seinen europäischen Rezeptionen und Variationen. ....”

   “Religiöse Unterweisung” ist nicht im Blickfeld von LER. Dies ist in Brandenburg Aufgabe des konfessionellen Religionsunterrichts bzw. von Veranstaltungen in der Hand der jeweiligen Religionsgemeinschaften. LER tritt nicht an die Stelle eines von den Kirchen oder Religionsgemeinschaften verantworteten Angebots. Das Recht der Kirchen und Religionsgemeinschaften, ‚Schülerinnen und Schüler in den Räumen der Schule nach ihrem Bekenntnis zu unterrichten”, ist ausdrücklich im Schulgesetz des Landes (§ 9.2) verankert.

   Der Religionsunterricht steht aus der Sicht von LER nicht in Konkurrenz zu LER; er könnte LER vielmehr um detaillierte Kenntnis religiöser Optionen, die unsere Geschichte und Kultur geprägt haben, aus deren Innenperspektive erweitern.”

 

   Wertebindung und religiös-weltanschauliche Neutralität des Faches LER

   “LER ist als allgemeinbildendes Schulfach konzipiert und teilt daher wie jedes andere allgemeinbildende Fach die Wertorientierungen und das Bildungsverständnis der Landesverfassung Brandenburg, zu deren Umsetzung LER einen eigenständigen Beitrag leisten soll, unterliegt aber keiner bestimmten weltanschaulichen, religiösen oder konfessionellen Bindung. Die aus dem juristischen Sprachgebrauch stammende Neutralitätsformel bedeutet nicht Standpunktlosigkeit, weder auf Seiten der Lehrkraft noch auf Seiten der Schüler, sondern fordert, dass – abgesehen von den Wertsetzungen, auf die Schule sich insgesamt bezieht – im Unterricht keine religiöse oder weltanschauliche Position absolut gesetzt bzw. für alle verbindlich gemacht werden darf.

    Der Unterricht im Fach LER soll ‚engagiert” – nicht ‚distanziert” – sein, ohne zu indoktrinieren oder eine ‚Staatsreligion” zu vermitteln. Nicht Positionslosigkeit oder Beliebigkeit soll den Unterricht bestimmen, vielmehr wird der Dialog zwischen unterschiedlichen Überzeugungen angestrebt. ...”

 

   EMPFEHLUNGEN

   “Solange keine klare Prioritätensetzung und keine entsprechende politische Umsetzung erfolgen, läuft die bisherige Reformpolitik, die sich mit der Einführung von LER eine große Aufgabe gesetzt hat, Gefahr, nur oberflächliche Veränderungen in den Schulen zu bewirken.”

 

  Pflichtfach für die Klassen 5 bis 10

  LER sollte, so wird empfohlen, als durchgehendes Fach für die Klassen 5-10 ausgestaltet werden. Dabei sei der Ausbau des Faches in den Klassen 9 und 10 derzeit vordringlich. Erforderlich: die Bereitstellung hinreichender finanzieller und personeller Ressourcen, ein ausreichendes Stundenkontingent, die Sicherung einer befriedigenden Leistungsbewertung, die Ergänzung des universitären Weiterbildungsstudiums um ein grundständiges Studium, eine verbesserte Fortbildung.

   “In den Klassen 5 und 6 der Primarstufe soll LER als reguläres Fach allgemein eingeführt werden, sobald die Einführung in der Sekundarstufe I im Wesentlichen erfolgreich abgeschlossen ist.” Dafür “müssen ausgebildete Lehrer zur Verfügung stehen”, deren Qualifikation “nicht geringer” sein dürfe als bei den Lehrern der Sekundarstufe I. In den Klassen 1-4 sollten Elemente eines LER-Unterrichts “im Rahmen des Sachunterrichts, vor allem des sozialkundlichen Sachunterrichts zur Geltung kommen.”

   In der Oberstufe sollte LER “nicht als Fach” eingeführt werden, sondern “religionswissenschaftlichen und ethikwissenschaftlichen Anteilen einen angemessenen Platz im Rahmen des Fachs Philosophie” eingeräumt werden. Auch könnten Inhalte des Faches Psychologie LER-spezifisch ergänzt werden.

   “Es ist offensichtlich” so das Gutachten-, dass weder die individuellen noch die institutionellen Ziele von LER ernsthaft verfolgt werden können, wenn das Fach in der Stundentafel eine marginale Position besetzt.” Und weiter: “Zwei Wochenstunden in der Stundentafel von der 7. bis zur 10. Klasse sind ein absolutes Minimum ... Ein “Einstundenfach” sit nach allgemeinem Urteil bestenfalls nutzlos. Daher muss in den Klassen 9 und 10 die Wochenstundenzahl vordringlich mindestens auf 2 verdoppelt werden.

   Bei der Einführung des Faches in den Klassen 5 und 6 sollten 3 Wochenstunden vorgesehen werden, weil der geringere fachliche Formalisierungsgrad der Eingangsphase durch eine zeitlich aufwändigere Einübung in Fragestellungen und Unterrichtsformen von LER kompensiert werden muss.” Kritisch wird das Fehlen spezifischer Lehrmittel und Unterrichtsmaterialien vermerkt. “Materialien für den Unterricht in LER müssen folglich meist durch die Lehrer selbst aus vielen Quellen zusammengesucht werden.” Es sollte eine “zentral angelegte Sammlung von Lehrmaterialien” erfolgen, welche die Komponenten “Lebensgestaltung”, “Ethik” und “Religionskunde” ausgewogen repräsentiert. “Benötigt wird ein religionswissenschaftliches Handbuch für LER-Lehrer im Blick auf die Erfordernisse der Religionskunde in LER sowie ein Lehrbuch bzw. eine religionskundliche Quellen- oder Textsammlung für Schüler.”

   Zur Lehrerbildung wird besonders empfohlen, das bisherige erfolgreiche Weiterbildungsstudium durch ein grundständiges Studium an der Universität Potsdam zu ergänzen. Zur Verbesserung der Lehrerbildung für die verschiedenen Klassenstufen werden eine Reihe Vorschläge unterbreitet.

 

  


 

Ausblick

   “LER ist ein großes Projekt. ... Es gibt wohl in der jüngeren Entwicklung kein neues Unterrichtsfach, dessen Bezugsdisziplinen erst rekonstruiert, dessen Didaktik erst entwickelt, dessen Organisationsprinzipien erst entworfen werden mussten. Kein anderes Fach erfordert gleichzeitige die Reorganisation der Stundentafel, die Rekrutierung und Ausbildung eines neuen Lehrertyps ....”

   “.... LER kann für sich in Anspruch nehmen, dass es seiner Struktur gemäß dieser Vision einer veränderten Schule genügt und ein Baustein ihrer Architektur sein kann. Wenn es nicht Bestandteil einer solchen Vision ist, läuft LER freilich das Risiko, bloß ein weiteres, die Stundentafel belastendes Element trägen Schulwissens zu werden, das, wie andere gutgemeinte Maßnahmen auch, schließlich Langeweile und Unlust an der Schule verstärkt”

 

 

Wolfgang Edelstein u.a.

Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde. Zur Grundlegung eines neuen Schulfachs

Beltz-Verlag (www.beltz.de)

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


 

 

Potsdamer Neueste Nachrichten, 6. Oktober 2001 

Abschrift des Artikels und der nachfolgenden Auszüge aus dem LER-Gutachten

 

 

Wissenschaftler für Ausweitung des LER-Unterrichts

Neues Gutachten des Fachbeirates für das Schulfach Lebensgestaltung, Ethik, Religion


 

 


 

Potsdam (PNN/thm). Rückendeckung von Experten für Brandenburgs umstrittenes Schulfach Lebensgestaltung/Ethik/Religi-onskunde (LER), das bislang ein Novum in Deutschland ist, sorgt für Streit in der Großen Koalition und mit den Kirchen: In einem jetzt publizierten Gutachten hat der LER-Fachbeirat aus renommierten deutschen Erziehungswissenschaftlern eine Ausweitung des LER-Unterrichts an Brandenburgs Schulen empfohlen - flächendeckend, als reguläres Fach in den Klassen 5 bis 10. Dies könne ganz unabhängig vom Ausgang der Verfassungsklage von großen Kirchen und CDU/CSU-Bundestagsfraktionen in Karlsruhe angepackt werden, so das Beratungsgremium, das LER in der Praxis verfolgt. Bislang wird das Fach lediglich von Klasse 7 bis 10 unterrichtet, aus Lehrer- und Geldmangel allerdings nicht flächendeckend. Auch der Fachbeirat stellt fest, dass von einer "spürbaren Präsenz des Faches noch "keine Rede" sein kann.

 

 

  Pikant: Die Präsentation der 295-Seiten-Expertise, die schon seit Monaten im Bildungsministerium von Steffen Reiche (SPD) vorliegt, war - wohl aus Rücksichtnahme auf knappe Kassen und den LER-kritischen Koalitionspartner - mehrfach vertagt worden: Inzwischen ist das LER-Gutachten als Buch im Handel (Beltz-Verlag) erschienen.

   Für das Autorenteam um Professor Wolfgang Edelstein, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, ist die Einführung des neuen Faches LER als werteklärendes und werteerziehendes Fach ein "großes Projekt", zu dem es in der jüngeren Entwicklung "nichts Vergleichbares" gibt. Der Krieg gegen LER, der im Schatten der Auseinandersetzung um den Status des Religionsunterrichtes im Land geführt werde, sei ein "Verwirrspiel mit verkehrten Fronten", klagt Edelstein in seinem Richtungsbeitrag. Denn LER sei "weder Religionsunterricht noch Ersatz für diesen". Und der Ausgang in Karlsruhe berühre gar nicht die Existenz des Faches, sondern allenfalls das Konzert der Fächer, in dem LER künftig unterrichtet wird. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Wissenschaftler, die ins Stocken geratene Einführung des neuen Unterrichtsfachs zu beschleunigen.

   Bislang wird LER in 70 Prozent der 7. Klassen, 54 Prozent der 8. Klassen, 12 Prozent der 9. Klassen und sechs Prozent der 10. Klassen unterrichtet. Daher liege es auf der Hand, so die Experten, dass der Ausbau in den Klassen 9 und 10 vordringlich sei. Danach sollte der Ausbau in den Klassen 5 und 6 beginnen. Gleichzeitig warnt das Gutachten, dass das Fach durch eine zu geringe Stundenzahl ins Leere laufen könne und mahnen ein grundständige Ausbildung von LER-Lehrern an der Potsdamer Universität an. Bislang können sich nur Lehrer weiterbilden lassen.

  Die Empfehlungen des LER-Fachbei-rates setzen Bildungsminister Steffen Reiche und die SPD unter Druck - das Fach gilt als Flaggschiff sozialdemokratischer Schulpolitik. Denn gegen eine Ausweitung von LER wehrt sich nicht nur die CDU - es fehlt das Geld. Auch das Gutachten verweist darauf, dass "die Bereitstellung der erforderlichen Ressourcen" die Politik vor "ernsthafte Herausforderungen" stellt, da die Kosten "erheblich" seien. So werde die Einführung von LER anders als anderen Schulreformen nicht "friedlich und unbemerkt" über die Bühne gegen können. Der nüchterne Ausblick: Die Politik, die Administration, die Schule selbst werden sich "nachdrücklich für die Reform einsetzen müssen", und zwar nicht nur wegen der LER-Gegner, sondern auch gegen die Trägheit im Schulsystem. Da "die Widerstände eher wachsen", sei "langer Atem" nötig sei.

 

 

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Dokumentation
 
“LER ist ein großes Projekt”

 

Auszüge aus dem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates

für das Schulfach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde

 

 


 

   Potsdam (PNN). Dem vom Bildungsministerium berufenen Beirat gehörten folgende Wissenschaftler an: Die Professoren Wolfgang Edelstein (Entwicklungs-und Moralpsychologe / Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin) und Achim Leschinsky (Erziehungswissenschaftler / Humboldt-Universität zu Berlin), die Professorin Bärbel Kirsch (Psychologie) und der Professor Karl-Erich Grözinger (Religionswissenschaftler / Universität Potsdam) sowie die Professoren Jürgen Lott (Religionspädagoge / Universität Bremen) und Fritz Oser (Erziehungswissenschaftler / Universität Fribourg, Schweiz). Weiterhin arbeiteten an dem Gutachten mit: Dr. Sabine Gruehn (Erziehungswissenschaftlerin / Humboldt-Universität) und Imma Hillerich (Bildungsministerium).

 

   Dissidenten und evangelische Kirche der DDR als Initiatoren von LER

   “Die (Vor-)Geschichte von LER begann Ende der achtziger Jahre im Rahmen von Überlegungen zur Schulreform in der DDR. Basisdemokratische Initiativgruppen wie der “Unabhängige Interessenverband für eine demokratische Bildung und Erziehung” oder die “Volksinitiative Bildung” entwickelten Vorstellungen für eine innere Schulreform. Hinzu kamen bildungspolitische Aktivitäten aus Kreisen der Bürgerbewegung, der evangelischen Kirche sowie des Freidenkerverbandes. Im November 1989 wurden auf einem von der “Volksinitiative Bildung” eingeladenen Forum “Bildungsnotstand” Reformen der Bildung und Erziehung in der DDR erörtert.

   Auch die Kirchen nahmen an dieser bildungsreformerischen Diskussion teil und beschäftigten sich dabei auch mit Fragen religiöser Bildung. Den konfessionellen Religionsunterricht in der Schule sahen sie zunächst nicht als erforderlich oder gar als Priorität an. So heißt es in einem Brief des Bundes der Evangelischen Kirchen von Mai 1990 an den letzten Bildungsminister der DDR, Prof. Dr. Meyer (jetzt Wissenschaftsminister in Sachsen): “Beim Bedenken der Frage ist deutlich geworden, dass der Religionsunterricht in der Bundesrepublik von einem volkskirchlichen Hintergrund ausgeht. Durch die über vierzigjährige DDR-Geschichte ist es bei uns zu einer mehrheitlich säkularen gesellschaftlichen Situation gekommen. Damit ist keine Vergleichbarkeit zur schulischen Situation in der Bundesrepublik gegeben, in die der Religionsunterricht eingebunden ist.” So wurde zwar ein Fach Ethik als Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler gewünscht, zum Religionsunterricht aber festgestellt: “Unter den derzeitigen Voraussetzungen sehen wir für die Einführung des Religionsunterrichts keinen Handlungsbedarf.” ...

   Für die erste brandenburgische Bildungsministerin, Marianne Birthler (Bündnis 90), lag es auch aufgrund ihrer Biographie – sie war Katechetin und in der Wende Mitglied des Runden Tisches Bildung – nahe, dass sie die beschriebenen bildungsreformerischen Impulse der Endzeit der DDR und der Wende weiterführen wollte. Bereits in der Koalitionsvereinbarung von November 1990 der ersten Brandenburgischen Landesregierung aus SPD, FDP und Bündnis 90 wurden die Weichen für die Beziehungen zwischen Kirchen und Staat im Bereich der Schule gestellt. Dort wurde festgelegt, “an den Schulen einen breit angelegten Unterricht in Religions- und Lebenskunde durchzuführen, die konfessionelle Unterweisung aber in Verantwortung der Kirchen zu belassen”. Die darin enthaltene Absage an den konfessionellen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach (Art. 7 Abs. 3 Satz 1 GG) wurde und wird begründet mit der Möglichkeit, für das Land Brandenburg den Artikel 141 des Grundgesetzes in Anspruch zu nehmen, wonach die in Artikel 7 des Grundgesetzes getroffene Festlegung zum Status des Religionsunterrichts als ordentliches Lehrfach keine Anwendung in einem Land findet, in dem am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand ...

   Die Entwicklung der vergangenen 50 Jahre hat den Kirchen dieses Monopol auf die Auslegung des Lebenssinns und die Ausbildung des Gewissens in der Schule streitig gemacht. Die Säkularisierung hat große Teile der Bevölkerung gegen die Kirchen gleichgültig gemacht und, trotz ihrer Präsenz in den Schulen, gegen die christliche Botschaft -–vielleicht gegen explizit religiöse Weltauffassungen überhaupt – immunisiert. Die Kirchen besitzten nicht mehr die kulturelle Hegemonie transzendentaler Sinnauslegung. Viele Schüler sind aus dem Religionsunterricht ausgewandert. Für diese wurde ein – in vieler Hinsicht unbefriedigendes – Ersatzfach “Ethik” (oder Äquivalente dieses Fachs) eingerichtet. ...

   Auch unabhängig von den Säkularisierungsprozessen hat die kulturelle Einheitlichkeit der fünfziger Jahre einer weitgehenden Pluralisierung der Lebenswelten Platz gemacht. Die Einwanderung hat Millionen Menschen aus fremden Kulturen und anderen Religionen ins Land und in die Schulen gebracht. Sie werfen die Frage nach interkultureller Verständigung, einer andere Traditionen einbeziehenden normativen Bildung, einer Moral des Respekts und der Verständigung auch mit dem Fremden, sowie einer weltanschauungsübergreifenden Diskursfähigkeit auf.”

 

   Analyse

  “LER ist weder Religionsunterricht noch Ersatz für diesen. LER ist aber auch nicht mit ‚Ethik” identisch, dem in den meisten Bundesländern verpflichtenden Ersatz- bzw. Alternativfach, ... deckt sich ... aber auch nicht mit ‚Philosophie” oder ‚Philosophieren mit Kindern”, wie sie in einigen Bundesländern ersatz- bzw. wahlweise zum Religionsunterricht angeboten werden. LER stellt einen Versuch dar, auf aktuelle bildungspolitische, historische und kontextuelle Herausforderungen ... mit der Einführung eines allgemeinbildenden Schulfachs zu reagieren.

Als neues Fach soll LER an einer Aufgabe mitwirken, die im Gesamtkontext von Schule zunehmend Bedeutung gewinnt: neben der die Identität der Jugendlichen stützenden Entwicklung und Stabilisierung und der Vermittlung der Kompetenz, eigene Wertentscheidungen treffen zu können, Schülerinnen und Schüler auf die Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller und religiös/weltanschaulicher Prägung vorzubereiten und Voraussetzungen für gegenseitiges Verstehen zu schaffen. ... ”Der gemeinsame Unterricht in LER überwindet die tradierte Trennung der Schüler im Religions- und Ethikunterricht.

 

   Der Name ist Programm

   “Lebensgestaltung” signalisiert, dass sich Kinder und Jugendliche in diesem Fach mit Fragen der Gestaltung sozialer Beziehungen und der Lösung von Konflikten, mit Freundschaft, Liebe und Zusammenleben, mit Identitätsfindung und Lebenszielen, Selbsterkenntnis und Selbstveränderung, mit der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, mit der Bewältigung von Leid, Sterben und Tod beschäftigen.

   “Ethik” als Element von LER meint vor allem den Wertaspekt der sozialen und persönlichen Probleme, die mit der Dimension ‚Lebensgestaltung” angesprochen sind. In ‚moralischen Diskussionen” über die Implikationen persönlicher oder typischer sozialer Probleme soll aus dem Blickwinkel persönlicher Erfahrung gelernt werden, Perspektiven zu wechseln, moralische Urteile zu treffen und zu begründen und beabsichtigte wie unbeabsichtigte Konsequenzen abzuwägen.

   Mit der Nennung von “Religionskunde” wird deutlich gemacht, dass Religionen und religiöse Bezüge unter allgemeinbildenden Aspekten eine Rolle spielen, weil weder die eigene noch fremde Kulturen noch die Entstehung und die Hintergründe für das Zusammenleben zentralen Werte und Normen ohne religionskundliches Grundwissen angemessen zu verstehen wären. ... “

 

   Religionskunde gehört zur Allgemeinbildung im 21. Jahrhundert

   “Die öffentliche Schule ist zwar religionsneutral, sie hat aber die Verpflichtung, Kindern und Jugendlichen am Beginn des 21. Jahrhunderts die Traditionen und Weltsichten verschiedener in unserer gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit vorfindlicher Ethnien, Religionen und Kulturen als Bestandteil schulischer Allgemeinbildung zu vermitteln. So wie muslimische Kinder zum Beispiel lernen sollen, wie das Judentum und das Christentum entstanden sind, welche religiösen, politischen, ökonomischen, kulturellen und wissenschaftlichen Folgen es hatte und hat, so haben christliche oder nichtreligiöse Kinder dies vom Islam zu lernen. Denn der Islam gehört zur Weltkultur, zur politischen Geschichte, zur Geschichte der Wissenschaft, zur Kunst und zur Kultur.”

   Im LER-Unterricht “geht es keineswegs primär um die Vorführung des Fremden und Exotischen, sondern um solche religiöse und weltanschauliche Gruppen und Orientierungen, die im gesellschaftlichen Umfeld begegnen. Konkret bedeutet das die Präsenz und den Einfluß der großen Religionen in Europa, neben dem Christentum das Judentum, der Islam, der Buddhismus und gegebenenfalls der Hinduismus in seinen europäischen Rezeptionen und Variationen. ....”

   “Religiöse Unterweisung” ist nicht im Blickfeld von LER. Dies ist in Brandenburg Aufgabe des konfessionellen Religionsunterrichts bzw. von Veranstaltungen in der Hand der jeweiligen Religionsgemeinschaften. LER tritt nicht an die Stelle eines von den Kirchen oder Religionsgemeinschaften verantworteten Angebots. Das Recht der Kirchen und Religionsgemeinschaften, ‚Schülerinnen und Schüler in den Räumen der Schule nach ihrem Bekenntnis zu unterrichten”, ist ausdrücklich im Schulgesetz des Landes (§ 9.2) verankert.

   Der Religionsunterricht steht aus der Sicht von LER nicht in Konkurrenz zu LER; er könnte LER vielmehr um detaillierte Kenntnis religiöser Optionen, die unsere Geschichte und Kultur geprägt haben, aus deren Innenperspektive erweitern.”

 

   Wertebindung und religiös-weltanschauliche Neutralität des Faches LER

   “LER ist als allgemeinbildendes Schulfach konzipiert und teilt daher wie jedes andere allgemeinbildende Fach die Wertorientierungen und das Bildungsverständnis der Landesverfassung Brandenburg, zu deren Umsetzung LER einen eigenständigen Beitrag leisten soll, unterliegt aber keiner bestimmten weltanschaulichen, religiösen oder konfessionellen Bindung. Die aus dem juristischen Sprachgebrauch stammende Neutralitätsformel bedeutet nicht Standpunktlosigkeit, weder auf Seiten der Lehrkraft noch auf Seiten der Schüler, sondern fordert, dass – abgesehen von den Wertsetzungen, auf die Schule sich insgesamt bezieht – im Unterricht keine religiöse oder weltanschauliche Position absolut gesetzt bzw. für alle verbindlich gemacht werden darf.

    Der Unterricht im Fach LER soll ‚engagiert” – nicht ‚distanziert” – sein, ohne zu indoktrinieren oder eine ‚Staatsreligion” zu vermitteln. Nicht Positionslosigkeit oder Beliebigkeit soll den Unterricht bestimmen, vielmehr wird der Dialog zwischen unterschiedlichen Überzeugungen angestrebt. ...”

 

   EMPFEHLUNGEN

   “Solange keine klare Prioritätensetzung und keine entsprechende politische Umsetzung erfolgen, läuft die bisherige Reformpolitik, die sich mit der Einführung von LER eine große Aufgabe gesetzt hat, Gefahr, nur oberflächliche Veränderungen in den Schulen zu bewirken.”

 

  Pflichtfach für die Klassen 5 bis 10

  LER sollte, so wird empfohlen, als durchgehendes Fach für die Klassen 5-10 ausgestaltet werden. Dabei sei der Ausbau des Faches in den Klassen 9 und 10 derzeit vordringlich. Erforderlich: die Bereitstellung hinreichender finanzieller und personeller Ressourcen, ein ausreichendes Stundenkontingent, die Sicherung einer befriedigenden Leistungsbewertung, die Ergänzung des universitären Weiterbildungsstudiums um ein grundständiges Studium, eine verbesserte Fortbildung.

   “In den Klassen 5 und 6 der Primarstufe soll LER als reguläres Fach allgemein eingeführt werden, sobald die Einführung in der Sekundarstufe I im Wesentlichen erfolgreich abgeschlossen ist.” Dafür “müssen ausgebildete Lehrer zur Verfügung stehen”, deren Qualifikation “nicht geringer” sein dürfe als bei den Lehrern der Sekundarstufe I. In den Klassen 1-4 sollten Elemente eines LER-Unterrichts “im Rahmen des Sachunterrichts, vor allem des sozialkundlichen Sachunterrichts zur Geltung kommen.”

   In der Oberstufe sollte LER “nicht als Fach” eingeführt werden, sondern “religionswissenschaftlichen und ethikwissenschaftlichen Anteilen einen angemessenen Platz im Rahmen des Fachs Philosophie” eingeräumt werden. Auch könnten Inhalte des Faches Psychologie LER-spezifisch ergänzt werden.

   “Es ist offensichtlich” so das Gutachten-, dass weder die individuellen noch die institutionellen Ziele von LER ernsthaft verfolgt werden können, wenn das Fach in der Stundentafel eine marginale Position besetzt.” Und weiter: “Zwei Wochenstunden in der Stundentafel von der 7. bis zur 10. Klasse sind ein absolutes Minimum ... Ein “Einstundenfach” sit nach allgemeinem Urteil bestenfalls nutzlos. Daher muss in den Klassen 9 und 10 die Wochenstundenzahl vordringlich mindestens auf 2 verdoppelt werden.

   Bei der Einführung des Faches in den Klassen 5 und 6 sollten 3 Wochenstunden vorgesehen werden, weil der geringere fachliche Formalisierungsgrad der Eingangsphase durch eine zeitlich aufwändigere Einübung in Fragestellungen und Unterrichtsformen von LER kompensiert werden muss.” Kritisch wird das Fehlen spezifischer Lehrmittel und Unterrichtsmaterialien vermerkt. “Materialien für den Unterricht in LER müssen folglich meist durch die Lehrer selbst aus vielen Quellen zusammengesucht werden.” Es sollte eine “zentral angelegte Sammlung von Lehrmaterialien” erfolgen, welche die Komponenten “Lebensgestaltung”, “Ethik” und “Religionskunde” ausgewogen repräsentiert. “Benötigt wird ein religionswissenschaftliches Handbuch für LER-Lehrer im Blick auf die Erfordernisse der Religionskunde in LER sowie ein Lehrbuch bzw. eine religionskundliche Quellen- oder Textsammlung für Schüler.”

   Zur Lehrerbildung wird besonders empfohlen, das bisherige erfolgreiche Weiterbildungsstudium durch ein grundständiges Studium an der Universität Potsdam zu ergänzen. Zur Verbesserung der Lehrerbildung für die verschiedenen Klassenstufen werden eine Reihe Vorschläge unterbreitet.

 

   Ausblick

   “LER ist ein großes Projekt. ... Es gibt wohl in der jüngeren Entwicklung kein neues Unterrichtsfach, dessen Bezugsdisziplinen erst rekonstruiert, dessen Didaktik erst entwickelt, dessen Organisationsprinzipien erst entworfen werden mussten. Kein anderes Fach erfordert gleichzeitige die Reorganisation der Stundentafel, die Rekrutierung und Ausbildung eines neuen Lehrertyps ....”

   “.... LER kann für sich in Anspruch nehmen, dass es seiner Struktur gemäß dieser Vision einer veränderten Schule genügt und ein Baustein ihrer Architektur sein kann. Wenn es nicht Bestandteil einer solchen Vision ist, läuft LER freilich das Risiko, bloß ein weiteres, die Stundentafel belastendes Element trägen Schulwissens zu werden, das, wie andere gutgemeinte Maßnahmen auch, schließlich Langeweile und Unlust an der Schule verstärkt”

 

 

Wolfgang Edelstein u.a.

Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde. Zur Grundlegung eines neuen Schulfachs

Beltz-Verlag (www.beltz.de)