Stellungnahme zum LER-Rahmenlehrplanentwurf, Sek. I
 

Insgesamt macht der aktuelle Entwurf des Rahmenlehrplanes für die Sekundarstufe I für „Lebensgestaltung/ Ethik/ Religionskunde“ (LER) im Land Brandenburg einen soliden und fachlich reifen Eindruck. Er stellt einen Fortschritt im Vergleich zu früheren Dokumenten dieser Art dar. Dennoch sind schwerpunktbezogen einige wesentliche Defizite im Entwurf zu finden, die wir im weiteren aufzeigen wollen.

Auf der positiven Seite wollen wir insbesondere das ganzheitliche Kompetenzmodell (S. 8 ff., 21 f.), das fächerübergreifende und fächerverbindende Arbeiten, das angemessene Einbeziehen und Mitentscheiden der Schülerinnen und Schüler (S. 13 ff.) sowie die Fachdidaktik (S. 25 ff.) vermerken.

Insgesamt sind die Einbeziehung der freien Weltanschauungen und Ethiken und die Darstellung der freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften völlig unzureichend. Gewiss wird „Weltanschauung“ erwähnt, aber inhaltlich nicht ausreichend thematisiert. Dies stimmt vor allem deswegen befremdlich, da die überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler im Land Brandenburg nichtreligiös sind oder einer atheistischen oder agnostischen Weltanschauung anhängen bzw. aus einem entsprechenden Elternhaus kommen. Die Säkularisierungstendenzen der Gegenwart sowie die Entwicklungen zu religiös-weltanschaulicher Pluralität werden nicht beachtet (S. 6). Wie soll da das gemeinsame Leben gelernt werden, wenn nicht die Verschiedenartigkeit der Lebensentwürfe und –anschauungen gleichberechtigt und ausgewogen verdeutlicht werden soll?


Dies wollen wir an folgenden Punkten des Rahmenlehrplanes beispielhaft verdeutlichen:

1. In der sog. „R-Dimension“ werden religionskundliche Aspekte untersucht, die inhaltlich von verschiedenen Religionen und Weltanschauungen bestimmt sind. Ein entsprechendes Wissen soll vermittelt werden, was jedoch dann in Bezug auf Weltanschauungen nicht ausgeführt wird.

2. In der Fachdidaktik wird nur das Religiöse untersucht (S. 28). Wo sind (frei- oder nichtreligiöse) Weltanschauungen? Weltanschauliche Strukturen sollen ebenfalls umfassend untersucht werden.

3. Die Exkurse zu unterschiedlichen Religionen (S. 36) sind durch die zu Weltanschauungen zu ergänzen!

4. Bei den Themenfeldern und thematischen Schwerpunkten (S. 37 ff.) werden Weltanschauungen erwähnt, aber Chancen für eine konfessionell unabhängige Lebensgestaltung nicht hinreichend angelegt. Eine von uns besonders favorisierte Werteerziehung für alle benötigt auch die Thematisierung freigeistig-humanistischer Ethik.

5. Wo finden sich bei den Themenfeldern die Freie Religion, die unitarische Religiosität, eine freidenkerische Weltanschauung, Atheismus und Agnostizismus? Die sie tragenden freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die im Land Brandenburg und bundesweit existieren, werden völlig verschwiegen.

6. Bei der Entstehung der Welt und dem Menschenbild z.B. werden weltanschauliche Aspekte zwar genannt, aber inhaltlich nicht ausgeführt. Zu beachten ist wiederum, dass die Zielgruppe von LER alle Schülerinnen und Schüler ist, von denen die Mehrheit nichtreligiös bzw. frei weltanschaulich orientiert ist.

7. Es fehlen Darstellungen zur Pluralität von Religionen und Weltanschauungen (S. 71). Nur sie können plausibel ein tolerantes und solidarisches, auf Verstehen und Respekt begründetes Miteinander entwickeln lassen und die Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen zu eigenständigem Urteilen und Bewerten fördern. Ohne weltanschauliche Selbstbestimmung und Selbstfindung kann u.E. ein gemeinsames Leben im religiös-weltanschaulichen Bereich nicht friedlich und frei erfolgen.

8. Eine zusammenhängende Erarbeitung auch zu nichtreligiösen Weltanschauungen ist dringend aufzunehmen! Nur so verstehen auch religiös gebundene Schülerinnen und Schüler, dass ihre Klassenkameraden anders denken (z.B. atheistisch) oder glauben.


Potsdam, 21.3.2004

Dr. V. Mueller
Präsident