Dr. Volker Mueller, Falkensee:

 „Ludwig Feuerbach – ein Humanist, Religionskritiker und Freidenker“

Zum 200. Geburtstag

 Am 28. Juli 1804 wird der Philosoph und religionskritische Denker Ludwig Andreas Feuerbach in Landshut geboren. Sein 200. Geburtstag ist ein bedeutender Anlass, das Jahr 2004 zum Ludwig-Feuerbach-Jahr auszurufen und sich seiner fruchtbaren Ideenwelt zu versichern. Im 19. und 20. Jahrhundert gibt es vielfältige Debatten und Auseinandersetzungen um Werk und Wirkung des großen Denkers, insbesondere um seine philosophischen und religionskritischen Auffassungen.1 Doch gelegentlich wurden und werden zu wenig seine eigenständige Leistung und seine philosophische Kraft im Bruch mit dem spekulativen klassischen Denken gewürdigt. Auch hat ihn die Wirkungsgeschichte oft nur als Vorläufer oder Mittler zwischen philosophischen Traditionen gesehen

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Was ist das Befreiende und Freigeistige seines Wirkens ? Mit Mut tritt Feuerbach für das freie Philosophieren und ein sozial gerechteres Zusammenleben ein. Er steht am Ausgang der klassischen und aufklärerischen Philosophie in der  Mitte des 19. Jahrhunderts und befruchtet das freie Denken bis in unsere Tage. Er verbindet einen philosophischen Materialismus mit der Emanzipation der Naturwissenschaften von Theologie und Glaube. Mit seinem Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“ (1841) sowie seinen „Vorläufigen Thesen zur Reformation der Philosophie“ (1842) und seinen „Grundsätzen der Philosophie der Zukunft“ (1843) wird Feuerbach zu einem der bedeutendsten Vertreter der demokratischen Bewegung des Vormärz in Deutschland. Er ist zeit seines Lebens mit dem Kampf für Recht und Wahrheit, für Menschlichkeit und Freiheit verbunden.


Seine große historische Leistung besteht darin, die Philosophie nach einer mehr als 100jährigen Herrschaft der spekulativen, idealistischen Philosophie in Deutschland wieder auf den Boden der Realität gestellt und auf ein bis dahin nicht da gewesenes Niveau gehoben zu haben. Feuerbach enthüllt den theologischen Kern einer jeden idealistischen Philosophie und treibt eine wissenschaftlich begründete Religionskritik voran, zu der neben den genannten Werken vor allem auch „Das Wesen der Religion“ (1848) und die „Theogonie“ (1856) beitragen. Die Zeitgenossen Feuerbachs sind sich ob seiner Wirkung im wesentlichen völlig einig. Zum Beispiel schreibt Weigelt 1855 in seiner „Geschichte der neueren Philosophie“: „Es bedarf wohl keines Nachweises im Einzelnen, dass sowohl das praktische Leben, das sociale wie politische, als auch die Wissenschaft mit dem Christenthum und dem religiösen Glauben überhaupt in argen Widerspruch geraten ist.“ 2 Und Weigelt weiter: „Feuerbach hat ... ein richtiges und tiefes Verständniß der religiösen Anschauungen, weil er in den geheimnißvollen Grund zurückgegangen ist, wo sie ihren Ursprung haben. Die Theologie ist Anthropologie; das Wesen der Religion ist das Wesen des Menschen, ihre Götter sind die offenbaren Geheimnisse und Wünsche seines Herzens.“3


Ludwig Feuerbachs Philosophie gilt schon im 19. Jahrhundert als Ausgang und Ausklang eines ganzen philosophiegeschichtlichen Abschnitts, der bürgerlichen klassischen deutschen Philosophie. Sie gilt auch Karl Marx und Friedrich Engels sowie dem späteren Marxismus als eine wesentliche Quelle eigener philosophischer Anschauungen. Feuerbachs Philosophie ist für den Marxismus vor allem in Bezug auf deren Kritik an der Religion, der Theologie und dem philosophischen Idealismus bedeutsam. Engels’ Schrift „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, die erstmals 1886 in der Zeitschrift „Die Neue Zeit“ der deutschen Sozialdemokratie veröffentlicht wird und dann 1888 als Sonderdruck mit Marx’ berühmten Feuerbach-Thesen erscheint, geht auf den Bruch in der Philosophie dezidiert ein: Engels gibt eine kurze Darlegung des Verhältnisses zur Hegelschen Philosophie, ihres Ausgangs und der Trennung von ihr, betont aber zugleich „die volle Anerkennung des Einflusses, den vor allen anderen nachhegelschen Philosophen Feuerbach, während unsrer Sturm- und Drangperiode, auf uns hatte“ 4 Die materialistische Geschichtsauffassung wird – mit seinen philosophischen Quellen - in Grundzügen dargestellt. Kant, Hegel und Feuerbach werden gewürdigt.


Engels schreibt weiter, eine – wie er sagt – Ehrenschuld abtragend: „Da kam Feuerbachs ‚Wesen des Christenthums’. Mit einem Schlag zerstäubte es den Widerspruch, indem es den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron erhob. Die Natur existiert unabhängig von aller Philosophie; sie ist die Grundlage, auf der wir Menschen, selbst Naturprodukte, erwachsen sind; außer der Natur und den Menschen existiert nichts, und die höhern Wesen, die unsere religiöse Phantasie erschuf, sind nur die phantastische Rückspiegelung unseres eignen Wesens. Der Bann war gebrochen; das ‚System’ war gesprengt und beiseite geworfen, der Widerspruch war, als nur in der Einbildung vorhanden, aufgelöst. – Man muß die befreiende Wirkung dieses Buches selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein: Wir waren alle momentan Feuerbachianer.“ 5


Der philosophische Materialismus wird zur erneuten Grundlage des wissenschaftlichen und weltanschaulichen Denkens, eine philosophische Grundrichtung, die zunächst davon ausgeht, dass die Wirklichkeit so zu nehmen, zu sehen, zu interpretieren ist, wie sich real gibt und wie sie außerhalb und unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existiert. Engels weist im weiteren auf eine wichtige Frage hin, die die weitere Philosophieentwicklung beschäftigt: „Vom Feuerbachschen abstrakten Menschen kommt man aber nur zu den wirklichen lebendigen Menschen, wenn man sie in der Geschichte handelnd betrachtet. ... Der Kultus des abstrakten Menschen, der den Kern der Feuerbachschen neuen Religion bildete, musste ersetzt werden durch die Wissenschaft von den wirklichen Menschen und ihrer geschichtlichen Entwicklung.“ 6


Der sozialdemokratische Theoretiker Max Adler schreibt 1914 in seinen „Studien zur Geistesgeschichte des Sozialismus“ über den tiefen Widerstreit von Philosophie und Theologie, einer Theologie, die für die kühnsten und besten Denker Schierlingsbecher und Scheiterhaufen bereitgehalten hatte. 7 Feuerbach hat für ihn Unvergängliches im Freiheitskampfe des Denkens geleistet und die innere Befreiung des Menschen als Voraussetzung für dessen äußere Freiheit ermöglicht. 8


Gegenstand der philosophischen Kritik Feuerbachs sind das Wesen des Christentums, d. h. die christliche Religion und - als Konsequenz ihres Wesens - die christliche Theologie und Philosophie mit dem Hauptakzent auf der spekulativen Identitätsphilosophie Hegels. Das Prinzip, das seiner philosophischen Kritik zugrunde liegt und dieselbe leitet, ist der Materialismus - ein philosophisches Denken, das seine Gedanken mittels der Sinnentätigkeit auf Materialien und Gegenstände gründet, die außerhalb vom menschlichen Bewusstsein existieren. Das Ergebnis seiner philosophischen Kritik ist die Erkenntnis, dass nicht Gott oder nichts Göttliches das höchste Wesen für den Menschen ist, sondern der Mensch selbst. Namentlich durch seine Entschlüsselung der gnoseologischen Wurzeln der Religion hat Feuerbach den Kern der Theologie freigelegt. Feuerbachs Religionskritik repräsentiert in der neueren Geschichte der Philosophie und Wissenschaft wohl die radikalste Absage an das Christentum und die sie rechtfertigende Theologie und Philosophie.


Die in diesem Rahmen der philosophischen Kritik von Feuerbach vorgetragenen Argumentationen über das Verhältnis von Philosophie und Naturwissenschaft - besonders gegen theologische Interpretationen weltanschaulicher Fragen der modernen Naturwissenschaften - sowie gegen eine Vermischung von Glaube und Wissenschaft sind von bleibender Aktualität.


Seine philosophische Kritik am Christentum und deren Theologie ist für Feuerbach  untrennbar mit seinem Kampf für Recht und Wahrheit verbunden. Er zeigt Unbeugsamkeit vor den Kräften der Reaktion, unerschütterliches Eintreten für die Wissenschaft, gegen Scheinwissenschaft und Aberglaube, Verbundenheit mit den einfachen Menschen und Glauben an die Kraft des Volkes. 9 Seine persönliche und praktische Annäherung an die organisierten sozialdemokratischen und freigeistigen Bewegungen in seinen letzten Lebensjahren spricht für sich. Feuerbach selbst wird zwar nicht Teil der freigeistig/freireligiösen Bewegung seiner Zeit, aber diese Bewegung gründet sich auf Feuerbachs, dem Menschen und der Welt zugewandten Philosophie. Tausende Arbeiter umstehen das Grab Ludwig Feuerbachs, als dieser nach seinem Tode am 13. September 1872 auf dem Nürnberger Johannisfriedhof zur letzten Ruhe gebettet wird. Sie bekennen sich zu ihm als Humanisten und Philosophen.


Welche Bedeutung hat Feuerbach in der Philosophie ? Die Bedeutung der Feuerbachschen Philosophie liegt zunächst im Selbstverständnis der Philosophie selbst. Philosophische Fragen und Auseinandersetzungen werden aus dem „Elfenbeinturm“ hinausgeführt. Philosophie wendet sich gesellschaftlichen Fragen hin und erarbeitet neue Antworten z.B. zu den philosophischen Grundfragen nach dem Platz des Menschen in der Welt und nach dem Primat im Verhältnis von Materie und Bewusstsein. „Die neue Philosophie ist keine abstrakte Qualität mehr, keine besondere Fakultät – sie ist der denkende Mensch selbst – der Mensch, der ist und sich weiß als das selbstbewusste Wesen der Natur, als das Wesen der Geschichte, als das Wesen der Staaten, als das Wesen der Religion – der Mensch, der ist und sich weiß als die wirkliche (nicht imaginäre) absolute Identität aller Gegensätze und Widersprüche.“ 10


Durch Feuerbach endet die idealistische Klassik insbesondere mit ihren transzendentalphilosophischen und metaphysischen Ansätzen durch den Bruch mit (Kant und) Hegel, ja, sein Werk markiert einen Bruch im Denken des 19. Jahrhunderts überhaupt. Feuerbachs Aufarbeitung der Philosophiegeschichte führt zu einem Programm für die Zukunft. Er veränderte das Selbstverständnis der Philosophie selbst und die Nicht-Philosophie wurde ihm die „wahre Philosophie“ mit dem Blick auf den Übergang von der Theologie zur Philosophie (des Menschen) und auf die Veränderungen der Denkformen und Lebensweisen seiner Zeit. „Philosophie, die den Menschen und seine Natur, und zwar nicht als gedachte, sondern als geschichtlich reale in den Mittelpunkt stellt, ist neu, weil sie menschliche Existenz und Lebenspraxis zum Ausgangspunkt von Erkenntnisinteressen macht und nicht umgekehrt, die Existenz des Menschen und damit seine in Geschichte fallende Natur zum Ergebnis logischer Schlußfolgerungen. Bringt Logik nichts anderes als sich selbst heraus und ist ihr weder Natur noch Geschichte vorausgesetzt, wodurch sie am Ende wie die eingeborenen Ideen nur auf einen göttlichen Ursprung, auf einen Ursprung aus dem Nichts zurückgeführt werden kann, dann steht sie weder im Verhältnis zur unmittelbaren Existenz des Menschen noch zu dessen geschichtlicher Praxis. Der Ursprung der Logik aus dem Nichts beweist nach Feuerbach die ebenso theologische wie spekulative Wurzel der Hegelschen Logik, die folgerichtig den Hauptangriffspunkt einer von der praktischen Existenzweise des Menschen ausgehenden Anthropologie bildet.“ 11


Feuerbach trägt zu einem erneuerten Gesellschafts- und Naturverständnis bei. Eine freie bürgerliche Gesellschaft, soziale Gerechtigkeit und humanistische Grundforderungen sind seine Grundlage für das von ihm entwickelte Gottes- und Religionsverständnis und für das positive atheistische Menschenbild. „Der Name ‚Mensch’ bedeutet insgemein nur den Menschen mit seinen Bedürfnissen, Empfindungen, Gesinnungen – den Menschen als Person, im Unterschied von seinem Geiste, überhaupt seinen allgemeinen öffentlichen Qualitäten.“ 12 Die Wissenschaftsentwicklung seiner Zeit verbindet er bewusst damit. Geistesfreiheit entsteht nun bei Feuerbach mittels eines anthropologischen Materialismus und einer freien humanistischen Weltanschauung.


Feuerbach bricht mit dem spekulativen Denken der klassischen Philosophie und vollendet Spinozas Philosophie und die aufklärerische Religionskritik. Seine Einflüsse auf die Kultur und insbesondere Literatur des 19. Jahrhunderts sind erheblich. Feuerbach gilt mit Recht den Junghegelianern, vielen Dichtern, Schriftstellern, Marx und Engels sowie Ludwig Büchner und anderen materialistisch denkenden Philosophen sowie der freireligiösen/ freigeistigen Bewegung als wesentliche Quelle. Feuerbach hat auf die freireligiöse, freigeistige Bewegung seiner Zeit gewirkt und er war mit bedeutenden Köpfen der Geistesfreiheit verbunden 13.


Welches Anliegen verfolgen wir nun bei der Beschäftigung mit Feuerbach ? Wir würdigen Werk und Wirkung von Ludwig Feuerbach anlässlich seines 200. Geburtstages gegenüber einem breiten Publikum. Ausgehend vom Aufruf des Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V. für das Ludwig-Feuerbach-Jahr 2004 setzen wir uns mit wesentlichen Inhalten zu Religion, Aufklärung, Vernunft, Materialismus, Naturalismus, Anthropologismus, Sensualismus u.a. auseinander. Das systematische weltanschauliche Denken wird in Zusammenhang gebracht mit philosophiehistorischen Sachverhalten. Es geht vorrangig nicht nur um eine Rekonstruktion des Feuerbachschen Denkens, sondern auch um die gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit seinen philosophischen und religionskritischen Grundaussagen. Feuerbach behandelt das bürgerliche liberale Gesellschafts- und Menschenbild mit seinen Grund- und Menschenrechten und wendet sich philosophisch der Wirklichkeit zu. Er überwindet das Spekulative, Mystische, Irrationale und stellt die Philosophie wieder vom Kopf auf die Füße.


Feuerbach versucht, den Humanismus ohne einen Gott zu begründen. Die Auswirkungen dieses Versuches sind immer noch nicht überschaubar. Feuerbachs Entwicklung des anthropologischen Materialismus geht einher mit der Ersetzung der Spekulation durch die Empirie, der „Unmittelbarkeit“ des wirklichen Menschen.


Ludwig Feuerbach ist zweifellos einer der bedeutendsten Religionskritiker der Geschichte. Schwerpunkt einer Religionsbewertung ist seine Projektionsthese und die Erkenntnis, dass Mythen sinnentleert sind, wenn der Hintergrund, auf dem sie entstanden sind, nicht mehr existiert oder nicht mehr transparent gemacht werden kann, also, wenn sich die Mythen ohne erkennbaren realen Hintergrund selbstständig gemacht haben und so zu Tautologien geworden sind. 14


Die Projektionsthese „Der Mensch erschuf Gott nach seinem Bilde“ besagt, dass die Menschen ihre Wünsche und Phantasien auf einen „Götterhimmel“ projizieren. Für Feuerbach gilt jedoch, sie wieder auf die Erde zurückzuholen: Gott ist nicht die Liebe, sondern die Liebe ist ‚göttlich’! Der Inhalt der Religion wird demnach, wie Feuerbach feststellt, vom Menschen gemacht. Er widerspricht auch der vielfach geäußerten Ansicht, dass wir Menschen angeborene Ideen von Gottesvorstellungen hätten und versucht, dies auch zu beweisen. Darauf folgt die Feststellung, dass der Mensch das Zentrum der Welt ist und wir uns unsere Weltbilder und Gottesvorstellungen selbst machen. Das Gottesbild hängt von dem jeweiligen Selbstbewusstsein ab und dieses so entstandene Selbstbildnis wird in eine größere Welt, den Kosmos projiziert.


Religion ist für Feuerbach auch die menschliche Sehnsucht nach Glück. Diese Glücksvorstellungen werden in einen größeren Raum, also in den Kosmos geworfen, poetisch als Götterhimmel bezeichnet. Er sieht damit in der Religion das große Bündel der Wünsche, aber auch gleichzeitig die Erfahrung des Todes als Auslöser für die Entstehung von Religion überhaupt. So kommt er zu der Behauptung, dass, wenn der Tod nicht wäre, es keine Religion gäbe, und bezeichnet das Grab des Menschen als die Geburtsstätte Gottes.


Seine Kritik setzt ein, wenn er darauf hinweist, dass Gottesverehrung zuviel Lebensenergie vergeudet, und er statt Gottesliebe Menschenliebe fordert, was jedoch im Grunde dasselbe ist, wenn man Gott symbolisch als die gesamte Menschheit betrachtet. Es ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst. Wenn aber die Metapher Gott symbolisch nicht so gesehen und gar ein persönlicher Gott daraus wird, entzweit er den Menschen mit sich selbst, was in der christlichen Religion geschehe. Dem Christentum wird darüber hinaus vorgeworfen, dass seine Moral lebensfeindlich sei und es damit das Leben abwerte. Deshalb fordert Feuerbach eine humanistische Philosophie, die die Dinge vom Himmel wieder auf die Erde zurückholt.


Ebenfalls werden die Folgen der christlichen Religion im Zusammenleben der Menschen untereinander negativ von ihm bewertet. Der Glauben ist im wesentlichen intolerant und kann in Hass übergehen. Wenn Feuerbach dabei auch darauf hinweist, dass der Glaube nur gut ist für die Gläubigen, aber schlecht für die Ungläubigen, ist mithin davon abzuleiten, dass ein Unterschied darin besteht, ob jemand selbst glaubt oder jemand davon profitiert, dass andere glauben.


Zu den stichwortartigen Bemerkungen Feuerbachscher Religionsbewertung ist ergänzend darauf hinzuweisen, dass Feuerbach die Religion nicht aufheben will, sondern nur fordert, die Religion rational zu durchleuchten und den wirklichen Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. So kommt er sinngemäß zu der Aussage, dass die Philosophie nicht gegen den Glauben kämpft, sondern gegen dogmatisierende Glaubensvorstellungen und theologische Vorurteile. Er stellt fest, dass nur derjenige als sittlich gelten kann, welcher seine religiösen Gefühle auch durchschaue.
     

Anmerkungen:

/1/           Vgl. Alfred Schmidt: Emanzipatorische Sinnlichkeit. Ludwig Feuerbachs anthropologischer Materialismus. München. Pieper Verlag. 1988; Walter Jaeschke und Francesco Tomasoni (Hg.): Ludwig Feuerbach und die Geschichte der Philosophie. Berlin. Akademie-Verlag. 1998; Walter Jaeschke und Werner Schuffenhauer: Einleitung der Herausgeber. In: Ludwig Feuerbach: Entwürfe zu einer Neuen Philosophie. Hamburg. Felix Meiner Verlag. 1996; Christine Weckwerth: Ludwig Feuerbach zur Einführung. Hamburg. Junius Verlag. 2002; Volker Mueller: Ludwig Feuerbach – ein freigeistiger Humanist und Philosoph. In: Ders. (Hg.): Ludwig Feuerbach – Religionskritik und Geistesfreiheit. Neustadt. A. Lenz-Verlag. 2004.

/2/           G. Weigelt: Zur Geschichte der neueren Philosophie. Populäre Vorträge. Hamburg 1855. S. 318.

/3/           Ebd. S. 319.

/4/           Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. Berlin. In: MEW. Bd. 21. Dietz-Verlag. 1975. S. 264.

/5/           Ebd. S. 272.

/6/           Ebd. S. 290.

/7/           Vgl. Max Adler:  Wegweiser. Studien zur Geistesgeschichte des Sozialismus. Stuttgart 1919. S. 156.

 /8/          Vgl. ebd. S. 157.

/9/           Helmut Steuerwald: Frank/e) und frei: Ludwig Feuerbach. Umfeld – Leben – Wirken – Resonanz. In:  Volker Mueller (Hg.): Ludwig Feuerbach – Religionskritik und Geistesfreiheit. A.a.O. Insb. S. 13 f., S. 16 – 18, S. 20 f., S. 22 f., S. 25 f.

/10/         Ludwig Feuerbach: Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie. In: Ders.: Entwürfe zu einer Neuen Philosophie. Hg. v. Walter Jaeschke und Werner Schuffenhauer. Hamburg 1996. S. 19.

/11/         Ursula Reitemeyer: Feuerbach und die Aufklärung. In.: Ludwig Feuerbach und die Geschichte der Philosophie. A.a.O. S. 273.

/12/         Ludwig Feuerbach: Vorläufige Thesen ... A.a.O. S. 21.

/13/         Vgl. Werner Schuffenhauer: „Feuerbach und die freireligiöse Bewegung seiner Zeit. In Volker Mueller (Hg.): Ludwig Feuerbach – Religionskritik und Geistesfreiheit. A.a.O. S. 33 f., S. 38, S. 40 f.

/14/         Vgl. Erich Satter: Aspekte einer kritischen Religionsbewertung um und nach Feuerbach. In: Volker Mueller (Hg.): Ludwig Feuerbach – Religionskritik und Geistesfreiheit. A.a.O. S. 212 – 214.