Volker Mueller, Falkensee:

„Ludwig Feuerbach zum 200. Geburtstag"

Am Denkmal Feuerbachs in Nürnberg, am 25. Juli 2004

 

„Die Notwendigkeit einer wesentlich anderen Philosophie geht auch daraus hervor, dass wir den Typus der bisherigen Philosophie schon vollkommen vor uns haben. ... Der persönliche Gott mag, so oder so gefasst, begründet werden – wir haben darüber genug gehört. Wir wollen davon nichts mehr wissen, wir wollen keine Theologie mehr.

Wesentliche Unterschiede der Philosophie sind wesentliche Unterschiede der Menschheit. An die Stelle des Glaubens ist der Unglaube getreten, an die Stelle der Bibel die Vernunft, an die Stelle der Religion und der Kirche die Politik, an die Stelle des Himmels die Erde, des Gebets die Arbeit, der Hölle die materielle Not, an die Stelle des Christen der Mensch. Menschen, die nicht mehr zerspalten sind in einen Herrn im Himmel und einen Herrn auf Erden, die sich mit ungeteilter Seele auf die Wirklichkeit werfen, sind andere Menschen als die im Zwiespalt lebenden. Was der Philosophie Resultat des Denkens war, ist für uns unmittelbare Gewissheit. Wir bedürfen also ein dieser Unmittelbarkeit gemäßes Prinzip. ... Dieses Prinzip ist kein anderes – negativ ausgedrückt – als der Atheismus, d.i. das Aufgeben eines vom Menschen verschiedenen Gottes." Feuerbach /1/

Am 28. Juli 1804 wird der Philosoph und religionskritische Denker Ludwig Andreas Feuerbach in Landshut geboren. Sein in drei Tagen stattfindender 200. Geburtstag ist ein bedeutender Anlass, das Jahr 2004 als Ludwig-Feuerbach-Jahr zu gestalten und sich seiner fruchtbaren Ideenwelt zu versichern. Die freigeistigen Vereinigungen in der Bundesrepublik Deutschland sehen sich in seiner geistigen Tradition. Vielfältige Aktivitäten und die Herausgabe einer Ludwig-Feuerbach-Briefmarke machen die historische und aktuelle Bedeutung Feuerbachs deutlich. Vertreterinnen und Vertreter des Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften, des Deutschen Freidenkerverbandes und des Bundes für Geistesfreiheit Bayern haben sich hier am Denkmal Ludwig Feuerbachs am Rechenberg in Nürnberg zusammengefunden, um einen großen Denker zu ehren.

Bis in unsere Tage gibt es vielfältige Debatten und Auseinandersetzungen um Werk und Wirkung des großen Denkers, insbesondere um seine philosophischen und religionskritischen Auffassungen. /2/ Besonders sind seine eigenständige Kulturleistung und seine philosophische Kraft im Bruch mit dem spekulativen klassischen Denken zu würdigen. In der Wirkungsgeschichte ist er zugleich ein Mittler zwischen philosophischen Traditionen.

 

Was ist das Befreiende und Freigeistige seines Wirkens ? Mit Mut tritt Feuerbach für das freie Philosophieren und ein sozial gerechteres Zusammenleben ein. Er steht am Ausgang der klassischen und aufklärerischen Philosophie in der Mitte des 19. Jahrhunderts und befruchtet das freie Denken bis in unsere Tage. Er verbindet einen philosophischen Materialismus mit der Emanzipation der Naturwissenschaften von Theologie und Glaube. Mit seinem Hauptwerk „Das Wesen des Christentums" (1841) sowie seinen „Vorläufigen Thesen zur Reformation der Philosophie" (1842) und seinen „Grundsätzen der Philosophie der Zukunft" (1843) wird Feuerbach zu einem der bedeutendsten Vertreter der demokratischen Bewegung des Vormärz in Deutschland. Er ist zeit seines Lebens mit dem Kampf für Recht und Wahrheit, für Menschlichkeit und Freiheit verbunden.

Seine große historische Leistung besteht darin, die Philosophie nach einer mehr als 100jährigen Herrschaft der spekulativen, idealistischen Philosophie in Deutschland wieder auf den Boden der Realität gestellt und auf ein bis dahin nicht da gewesenes Niveau gehoben zu haben. Er enthüllt den theologischen Kern einer jeden idealistischen Philosophie und treibt eine wissenschaftlich begründete Religionskritik voran, zu der neben den genannten Werken vor allem „Das Wesen der Religion" (1848) und die „Theogonie" (1856) beitragen.

 

Ludwig Feuerbachs Philosophie gilt schon im 19. Jahrhundert als Ausgang und Ausklang eines ganzen philosophiegeschichtlichen Abschnitts, der bürgerlichen klassischen deutschen Philosophie. Sie gilt auch Karl Marx und Friedrich Engels sowie dem späteren Marxismus als eine wesentliche Quelle eigener philosophischer Anschauungen. Feuerbachs Philosophie ist für das Marxsche Denken vor allem in Bezug auf deren Kritik an der Religion, der Theologie und dem philosophischen Idealismus bedeutsam. Engels' Schrift „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie", die erstmals 1886 in der Zeitschrift „Die Neue Zeit" der deutschen Sozialdemokratie veröffentlicht wird und dann 1888 als Sonderdruck mit Marx' berühmten Feuerbach-Thesen erscheint, geht auf den Bruch in der Philosophieentwicklung dezidiert ein: Engels gibt eine kurze Darlegung des Verhältnisses zur Hegelschen Philosophie, ihres Ausgangs und der Trennung von ihr, betont aber zugleich „die volle Anerkennung des Einflusses, den vor allen anderen nachhegelschen Philosophen Feuerbach, während unsrer Sturm- und Drangperiode, auf uns hatte" /3/ Die materialistische Geschichtsauffassung wird – mit seinen philosophischen Quellen - in Grundzügen dargestellt. Kant, Hegel und Feuerbach werden gewürdigt.

Engels schreibt weiter, eine – wie er sagt – Ehrenschuld abtragend: „Da kam Feuerbachs ‚Wesen des Christenthums'. Mit einem Schlag zerstäubte es den Widerspruch, indem es den Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron erhob. Die Natur existiert unabhängig von aller Philosophie; sie ist die Grundlage, auf der wir Menschen, selbst Naturprodukte, erwachsen sind; außer der Natur und den Menschen existiert nichts, und die höhern Wesen, die unsere religiöse Phantasie erschuf, sind nur die phantastische Rückspiegelung unseres eignen Wesens. Der Bann war gebrochen; das ‚System' war gesprengt und beiseite geworfen, der Widerspruch war, als nur in der Einbildung vorhanden, aufgelöst. – Man muß die befreiende Wirkung dieses Buches selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein: Wir waren alle momentan Feuerbachianer." /4/

Der philosophische Materialismus wird zur erneuten Grundlage des wissenschaftlichen und weltanschaulichen Denkens, eine philosophische Grundrichtung, die zunächst davon ausgeht, dass die Wirklichkeit so zu nehmen, zu sehen, zu interpretieren ist, wie sich real gibt und wie sie außerhalb und unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existiert.

Gegenstand der philosophischen Kritik Feuerbachs sind das Wesen des Christentums, d. h. die christliche Religion und - als Konsequenz ihres Wesens - die christliche Theologie und Philosophie. Der Hauptakzent liegt dabei auf der spekulativen Identitätsphilosophie Hegels. Das Ergebnis seiner philosophischen Kritik ist die Erkenntnis, dass nicht Gott oder nichts Göttliches das höchste Wesen für den Menschen ist, sondern der Mensch selbst. Namentlich durch seine Entschlüsselung der Wurzeln der Religion hat Feuerbach den Kern der Theologie freigelegt. Feuerbachs Religionskritik repräsentiert in der neueren Geschichte der Philosophie und Wissenschaft wohl die radikalste Absage an das Christentum und die sie rechtfertigende Theologie und Philosophie.

Seine philosophische Kritik am Christentum und deren Theologie ist für Feuerbach untrennbar mit seinem Kampf für Recht und Wahrheit verbunden. Er zeigt Unbeugsamkeit vor den Kräften der Reaktion, unerschütterliches Eintreten für die Wissenschaft, gegen Scheinwissenschaft und Aberglaube, Verbundenheit mit den einfachen Menschen und Glauben an die Kraft des Volkes. Seine persönliche und praktische Annäherung an die organisierten sozialdemokratischen und freigeistigen Bewegungen in seinen letzten Lebensjahren spricht für sich. Feuerbach selbst wird zwar nicht Teil der freigeistig/freireligiösen Bewegung seiner Zeit, aber diese Bewegung gründet sich auf Feuerbachs, dem Menschen und der Welt zugewandten Philosophie. Tausende Arbeiter umstehen das Grab Ludwig Feuerbachs, als dieser nach seinem Tode am 13. September 1872 auf dem Nürnberger Johannisfriedhof zur letzten Ruhe gebettet wird. Sie bekennen sich zu ihm als Humanisten und Philosophen.

Welche Bedeutung hat Feuerbach für uns? Die Bedeutung der Feuerbachschen Philosophie liegt zunächst im Selbstverständnis der Philosophie selbst. Philosophische Fragen und Auseinandersetzungen werden aus dem „Elfenbeinturm" hinausgeführt. Philosophie wendet sich gesellschaftlichen Fragen hin und erarbeitet neue Antworten z.B. zu den philosophischen Grundfragen nach dem Platz des Menschen in der Welt und nach dem Primat im Verhältnis von Materie und Bewusstsein.

Feuerbach sagt in seinen „Vorläufigen Thesen zur Reformation der Philosophie":

„Die neue Philosophie ist keine abstrakte Qualität mehr, keine besondere Fakultät – sie ist der denkende Mensch selbst – der Mensch, der ist und sich weiß als das selbstbewusste Wesen der Natur, als das Wesen der Geschichte, als das Wesen der Staaten, als das Wesen der Religion – der Mensch, der ist und sich weiß als die wirkliche (nicht imaginäre) absolute Identität aller Gegensätze und Widersprüche ... ." /5/

Durch Feuerbach endet die idealistische Klassik insbesondere mit ihren transzendentalphilosophischen und metaphysischen Ansätzen durch den Bruch mit Kant und Hegel, ja, sein Werk markiert einen Bruch im Denken des 19. Jahrhunderts überhaupt. Feuerbachs Aufarbeitung der Philosophiegeschichte führt zu einem Programm für die Zukunft. Er verändert das Selbstverständnis der Philosophie selbst und die Nicht-Philosophie wurde ihm die „wahre Philosophie" mit dem Blick auf den Übergang von der Theologie zur Philosophie des Menschen und auf die Veränderungen der Denkformen und Lebensweisen seiner Zeit.

Feuerbach trägt zu einem erneuerten Gesellschafts- und Naturverständnis bei. Eine freie bürgerliche Gesellschaft, soziale Gerechtigkeit und humanistische Grundforderungen sind seine Grundlage für das von ihm entwickelte Gottes- und Religionsverständnis und für das positive atheistische Menschenbild. Feuerbach sagt: „Der Name ‚Mensch' bedeutet insgemein nur den Menschen mit seinen Bedürfnissen, Empfindungen, Gesinnungen – den Menschen als Person, im Unterschied von seinem Geiste, überhaupt seinen allgemeinen öffentlichen Qualitäten." /6/ Die Wissenschaftsentwicklung seiner Zeit verbindet er bewusst damit. Geistesfreiheit entsteht nun bei Feuerbach mittels eines anthropologischen Materialismus und einer freien humanistischen Weltanschauung.

Feuerbach bricht mit dem spekulativen Denken der klassischen Philosophie und vollendet Spinozas Philosophie und die aufklärerische Religionskritik. Seine Einflüsse auf die Kultur und insbesondere Literatur des 19. Jahrhunderts sind erheblich. Feuerbach gilt mit Recht den Junghegelianern, vielen Dichtern, Schriftstellern, Marx und Engels sowie Ludwig Büchner und anderen materialistisch denkenden Philosophen sowie der freireligiösen/ freigeistigen Bewegung als wesentliche Quelle. Feuerbach hat auf die freireligiöse, freigeistige Bewegung seiner Zeit gewirkt und er war mit bedeutenden Köpfen der Geistesfreiheit persönlich verbunden /7/.

Es geht uns heute vorrangig nicht nur um eine Rekonstruktion des Feuerbachschen Denkens, sondern gerade um die gegenwartsbezogene Auseinandersetzung mit seinen philosophischen und religionskritischen Grundaussagen.

Hierbei stehen insbesondere folgende Gesichtspunkte im Vordergrund:

1. Feuerbach behandelt das bürgerliche liberale Gesellschafts- und Menschenbild mit seinen Grund- und Menschenrechten und wendet sich philosophisch der sinnlichen Wirklichkeit und dem realen Menschen zu.

2. Er überwindet das Spekulative, Mystische, Irrationale und stellt die Philosophie wieder vom Kopf auf die Füße.

3. Feuerbach versucht, den Humanismus ohne einen Gott zu begründen. Die Auswirkungen dieses Versuches sind immer noch nicht überschaubar und weisen direkt auf Probleme unserer Gegenwart.

4. Feuerbachs Entwicklung des anthropologischen Materialismus geht einher mit der Ersetzung der Spekulation durch die Empirie, der „Unmittelbarkeit" des wirklichen Menschen.

 

Ludwig Feuerbach ist zweifellos einer der bedeutendsten Religionskritiker der Geschichte. Er hat uns viel zu sagen. Schwerpunkt einer Religionsbewertung ist seine Projektionsthese „Der Mensch erschuf Gott nach seinem Bilde". Sie besagt, dass die Menschen ihre Wünsche und Phantasien auf einen „Götterhimmel" projizieren. Für Feuerbach gilt jedoch, sie wieder auf die Erde zurückzuholen: Gott ist nicht die Liebe, sondern die Liebe ist ‚göttlich'! Der Inhalt der Religion wird demnach, wie Feuerbach feststellt, vom Menschen gemacht. Er widerspricht auch der vielfach geäußerten Ansicht, dass wir Menschen angeborene Ideen von Gottesvorstellungen hätten. Darauf folgt die Feststellung, dass der Mensch das Zentrum der Welt ist und wir uns unsere Weltbilder und Gottesvorstellungen selbst machen. Das Gottesbild hängt von dem jeweiligen Selbstbewusstsein ab und dieses so entstandene Selbstbildnis wird in eine größere Welt, den Kosmos projiziert.

Religion ist für Feuerbach auch die menschliche Sehnsucht nach Glück. Diese Glücksvorstellungen werden in einen größeren Raum, also in den Kosmos geworfen, poetisch als Götterhimmel bezeichnet. Er sieht damit in der Religion das große Bündel der Wünsche, aber auch gleichzeitig die Erfahrung des Todes als Auslöser für die Entstehung von Religion überhaupt. So kommt er zu der Behauptung, dass, wenn der Tod nicht wäre, es keine Religion gäbe, und bezeichnet das Grab des Menschen als die Geburtsstätte Gottes.

Feuerbach fordert, die Religion rational zu durchleuchten und den wirklichen Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. So kommt er sinngemäß zu der Aussage, dass die Philosophie nicht gegen den Glauben kämpft, sondern lediglich gegen dogmatisierende Glaubensvorstellungen und theologische Vorurteile. Feuerbach begründet einen humanistischen Atheismus, der die Dinge vom Himmel wieder auf die Erde zurückholt.

Verneigen wir uns vor dem großen freigeistigen Denker Ludwig Feuerbach. Treten wir wie er für Freiheit, Recht und Wahrheit, gegen Dogmatismus, Irrationalismus und Vernunftfeindlichkeit ein.

 

 

 

Anmerkungen:

                          /1/ Ludwig Feuerbach: Notwenigkeit einer Reform der Philosophie. In: Nikolaus Knoepffler (Hg.):

Von Kant bis Nietzsche. Schlüsseltexte. München. Herbert Utz Verlag. 2000. S. 156 f.

/2/ Vgl. Alfred Schmidt: Emanzipatorische Sinnlichkeit. Ludwig Feuerbachs anthropologischer Materialismus. München. Pieper Verlag. 1988; Walter Jaeschke und Francesco Tomasoni (Hg.): Ludwig Feuerbach und die Geschichte der Philosophie. Berlin. Akademie-Verlag. 1998; Walter Jaeschke und Werner Schuffenhauer: Einleitung der Herausgeber. In: Ludwig Feuerbach: Entwürfe zu einer Neuen Philosophie. Hamburg. Felix Meiner Verlag. 1996; Christine Weckwerth: Ludwig Feuerbach zur Einführung. Hamburg. Junius Verlag. 2002; Volker Mueller (Hg.): Ludwig Feuerbach – Religionskritik und Geistesfreiheit. Neustadt. A. Lenz-Verlag. 2004.

/3/ Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. Berlin. In: MEW. Bd. 21. Dietz-Verlag. 1975. S. 264.

/4/ Ebd. S. 272.

/5/ Ludwig Feuerbach: Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie. In: Ders.: Entwürfe zu einer Neuen Philosophie. Hg. v. Walter Jaeschke und Werner Schuffenhauer. Hamburg 1996. S. 19.

                          /6/ Ludwig Feuerbach: Vorläufige Thesen ... A.a.O. S. 21.

/7/ Vgl. Werner Schuffenhauer: „Feuerbach und die freireligiöse Bewegung seiner Zeit. In Volker Mueller (Hg.): Ludwig Feuerbach – Religionskritik und Geistesfreiheit. A.a.O. S. 33 f., S. 38, S. 40 f.