Renate Bauer:

Die Aktualität von Feuerbachs Religionskritik im heutigen Europa

Ansprache zur Festveranstaltung des Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V.
zum Ludwig-Feuerbach-Jahr 2004 am 24.10.2004, in Fürth

 

Religion ist in

Als ich als junge Studentin Feuerbach las, mehr aus eigenem Interesse denn aus Nötigung durch Vorlesungen oder Seminare, fand ich bei ihm eine Argumentation, die mir half, mein Unbehagen an den überall vorhandenen Gottesvorstellungen zu verstehen und auszudrücken. Religion selbst war damals in Unikreisen nicht sehr wichtig, Feuerbach war den Philosophen eher als Vorläufer von Marx und Engels erwähnenswert denn als eigenständiger Philosoph. Religion würde ja verschwinden, so war die allgemeine Ansicht.

Seit der Zeit, die liegt jetzt auch schon dreißig Jahre zurück, sind die Kämpfe zwischen den Religionen in Nordirland wieder aufgeflammt, interessiert sich alle Welt für den Islam, erleben wir teilweise heftige Diskussionen um die Definition Europas als christlich in ausdrücklicher Abgrenzung zum Islam.

Und noch im privaten Bereich scheint Religion zu leben, wenn auch selten in der Form, in der die christlichen Kirchen sie gern sehen würden. Esoterik ist in. Und als ich meine Schüler vor kurzem fragte nach Themen, die sie gerne behandelt hätten, kam neben künstlicher Intelligenz und Popmusik auch das Thema "Götter im PC-Spiel" und Gott spielen am PC auf. Auf dem PC wimmelt es nämlich von Göttern, den alten, den griechischen, ägyptischen, germanischen Göttern wohlgemerkt, die dort wieder auferstehen. Hinzu kommen Monster und Dämonen, sogar explizit christliche PC-Spiele gibt es. Vielleicht wäre das ein neuer Markt, mal ein explizit freireligiöses, freigeistiges oder humanistisches PC-Spiel zu entwerfen.

Und: " Die Menschen heute brauchen wieder Religion": Solche Aussagen begegnen einem inzwischen auch aus der linken politischen Ecke. Eine seltsame Aussage so scheint es von jenen, die als Nachfolger Feuerbachs gelten könnten. Wie vereinen sie ihre Forderung mit der Beobachtung, dass in unserer Zeit die schlimmsten religiös begründeten Auseinandersetzungen in Kriegen und Bürgerkriegen seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten stattfinden?

"Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde" war Feuerbachs Folgerung aus langjährigem Nachdenken. Welche Götter haben sich die Menschen heute geschaffen und was sagen die Götter über die Menschen, die sie schufen, aus?

Was für mich aus Feuerbach auch heute noch sehr aktuell ist, ist unter anderem die Trennung zwischen Religion und Gottesglaube.

 

Kritik der Götter vs. Kritik der Religion

Ich möchte die These aufstellen, dass Feuerbachs Kritik der Religion im wesentlichen eine Kritik der Götterbilder darstellt, aber das Phänomen Religion selbst nur begrenzt erfasst. Warum die Menschen Götter erfinden, dazu hat Feuerbach sehr viel Material zusammengetragen, aber warum sie Religionen entwickeln, ganze Systeme der Welterklärung, der Rituale, des Handelns, der moralischen Vorschriften, warum Menschen solche doch sehr aufwändigen Denksysteme bilden, die sich teilweise über Jahrhunderte halten, wird nur angedeutet. Religionen als Welterklärungssysteme sind gesellschaftliche, über das Individuum hinausgehende Phänomene. Feuerbach greift in seiner Untersuchung der Religionen darin zu kurz, als er dieses Element zu gering beachtet, er greift darin aber in die Zukunft, ins Heute. Wir beobachten nämlich, dass in der westlichen Welt die Religionen gesellschaftlich ihre verbindende Kraft verlieren, individuell für immer weniger Menschen bedeutsam sind und immer individueller gestaltet werden.

Götterbild und Menschenbild sind für Feuerbach nicht voneinander zu trennen. Erst wer den Menschen kennt, weiß, warum er sich diese oder jene Götter vorstellt. Lässt sich dieser Satz auch herumdrehen, sodass wir von den Göttern auf die Menschen schließen können? In den Vorlesungen zur Religion impliziert Feuerbach genau das. Wie kommt der Mensch gerade zu diesen Götterbildern? Feuerbach begründet Religion im Abhängigkeitsgefühl des Menschen, im wesentlichen zuerst von der Natur. Zum zweiten aber begründet er Religion in den Wünschen des Menschen (s. Theogonie, S. 32f), in seinen Bedürfnissen und seiner Sehnsucht nach deren Erfüllung. Die Unterscheidung zwischen Naturgott und Menschengott greift diese beiden Aspekte der Religion auf (s. Vorl., S.46). Was sind die Wünsche des Menschen?

"Wer aber die Ehre zum Bestimmungsgrund Gottes macht, der vergöttert nicht nur indirekt den menschlichen Ehrgeiz, sondern auch sich selbst; er setzt sich unbewusst, mag er vor seinem Bewusstsein sich noch so fromm und demütig stellen, auf gleichen Fuß mit Gott; denn was liegt mir an dem Lobe von Geschöpfen, die unter mir stehen, die mich nicht verstehen, nicht zu schätzen wissen, folglich auch nicht loben können? Ehren kann mich nur der, den ich selbst ehre, den ich als ein mir ebenbürtiges Wesen anerkenne." Dieses Zitat Feuerbachs aus der Theogonie, erschienen 1857, dürfte uns nachdenklich werden lassen bezüglich der monotheistischen Religionen und der Motive derjenigen, die sich ihnen zuwenden. Nicht, dass wir je da viele Illusionen hätten, aber es ist doch einmal wichtig, sich darauf zu besinnen, um zu verstehen, was in unserer Welt vor sich geht.

Gerade die, die sich einem Gott unterwerfen, erhöhen sich darin, erkennt Feuerbach. In ihrer Unterwerfung zur Ehre Gottes bringen sie vor allem ihre eigenen Vorstellungen ein und setzen sie durch.

Warum finden wir sie in so vielen Computerspielen Götter? Warum sind Computerspiele überhaupt beliebt, vor allem jene Strategiespiele, in denen man ganze Welten neu erschafft, das Leben von Menschen in ihrem Tagesablauf bestimmt usw.? Ob Sims oder Anno 1503, ob Herrscher von Atlantis, oder Civilization 1, 2 oder 3, ja noch zum Teil die Siedler von Catan, alle basieren auf der Vorstellung, Gott zu spielen.

Für die Computerfiguren und ihr Wohl und Wehe verantwortlich zu sein, über ihr Sein oder Nichtsein entscheiden zu können, ist nicht nur attraktiv um des Machtkitzels willen, den alle genießen, die über Personen, die von ihnen abhängig sind, entscheiden. Es ist auch nicht nur Vorbereitung auf zukünftige Managementaufgaben, und Manager haben ja gottähnliche Züge an sich, denn warum sonst werden sie so gut bezahlt?

Junge Menschen leben heute in einer schizophrenen Welt. Einerseits gaukelt ihnen die Werbung vor, sie hätten die Wahl in allem, andererseits erleben sie auf der Suche nach Arbeits- und Lebenswegen harte Grenzen ihrer Möglichkeiten, die ihnen oft keine Wahl lassen. Gott am Computer zu spielen, ist so eine Form, den Traum eines schöpferischen Lebens zu behalten, die Illusion einer Kontrolle wenigstens über Maus und Tastatur vor dem Bildschirm und über dessen künstliche Figuren.

 

Die Funktion der Religion als Wunscherfüllung für die einzelnen

Wenn sich in den Göttern die Wünsche der Menschen spiegeln, dann sind diese heute andere als früher. Für die einzelnen sind Religionen inzwischen nur bei einer Minderheit tragende Begleiter des Alltags. Die "Zeit" vom 7. Oktober 2004 zitiert eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup von 1999, bei der herausgefunden wurde, dass für die Hälfte der Menschen in den Ländern Dänemark, Schweden und Norwegen Gott irrelevant ist für ihr Leben, in Tschechien sogar für zwei Drittel der Menschen. In ganz Westeuropa geht die Hälfte der nominellen Christen praktisch nie in die Kirche.

Die Computerkids spielen Gott ja nicht im Rahmen eines religiösen Verständnisses, sondern als Spiel. Religionen sind Zufluchtsstätten in Krisenzeiten, obwohl hier Ärzte und Therapeuten inzwischen eine größere Rolle spielen abgesehen von den rituellen Angeboten, die aufgegriffen werden, und sie sind Lieferanten von Erlebnissen. Glaubensinhalte werden nach Bedarf aus- und aufgesucht und mit Inhalten aus anderen Religionen ohne weiteres vereinbart.

Fast nur noch in Krisenzeiten wenden sich Menschen Göttern zu. Aber die Götter, die sie finden, sind wieder partikular, eher Mächte für spezielle Fragen als Vertreter der Allmacht. Und eine universale Macht wie im "Krieg der Sterne" bleibt unpersönlich und wird erst individuell in der Person, die Anteil an ihr hat und sie in sich ausprägt. Der Begrenzung der Götter korrespondiert die wahrgenommene Machtzunahme der Menschen über ihr Leben. Auch auf dem Computer sind die Götter nur partiell mächtig, und die, die spielen, spielen mit ihren Grenzen. Die Spieler sind oft um einiges realistischer als man ihnen zutraut und optimistischer, denn noch vertrauen sie ihren Fähigkeiten, die Welt zu beeinflussen. Die Wünsche, die Feuerbach als die eigentlichen nennt, die in den Göttern wiedergespiegelt werden, wie Unsterblichkeit und Glückseligkeit , sind für viele Menschen realer geworden. Sie erfahren, wie Angehörige ein Alter erreichen, das vor hundert Jahren nur wenige erlangten, wie Gesundheit oft das Alter begleitet. Sie können Glück herstellen durch Konsum und Teilnahme an Freizeitevents, durch Sport etc. Jene Mühsal, die noch im 19. Jahrhundert das Leben vieler prägte, ist stark zurückgegangen. Die großen Bedrohungen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, sind für viele zwar beängstigend, aber längst nicht mehr so fürchterlich in ihren Auswirkungen trotz Massenarbeitslosigkeit und Zunahme der Zivilisationserkrankungen. Ein soziales Netz mindert ihre Auswirkungen trotz seiner fortschreitender Ausdünnung immer noch. Es ist bezeichnend, dass gerade in den nordischen Ländern Religion irrelevant ist, denn ihre sozialen Netze sind immer noch ausgezeichnet.

Feuerbach definiert das religiöse Gefühl als ein wesentlich negatives, erwachsend aus der Unvollkommenheit und Machtbegrenzung des Menschen. (s. Theog. S. 84). Noch die Dankbarkeit gegenüber den Göttern in glücklichen Momenten bezieht er auf die immer drohende Möglichkeit des Scheiterns (Theog. S. 88). Das aber trifft Religion als positive Haltung nicht, jene Haltung, wie sie von Allport und Fromm beispielsweise gegenüber psychoanalytischen Religionstheorien ausgearbeitet wurde, um die Religion des erwachsenen Menschen zu erfassen. Eine erwachsene bzw. eine - wie Allport sie bezeichnet - gesunde Person weiß, "dass sie niemals die Probleme ihres Lebens durch Wunschdenken lösen oder ihre eigene Unzulässigkeit durch phantasievolle Erdichtungen kurieren kann." (Werden der Persönlichkeit, S. 85) Aber wer ist schon in diesem Sinne erwachsen?

Noch ein Wunsch erleben wir heute im Erstarken manches religiösen Bedürfnisses. Man trifft viele muslimische Mädchen und Frauen, von denen das Kopftuch gar nicht so sehr als Einschränkung angesehen wird, als Zwang. Diesen Zwang gibt es sicher, da gebe ich mich keinen Illusionen hin, aber es gibt auch genügend Musliminnen, die sich für ihr Kopftuch freiwillig entschieden haben. Man könnte es, wie Prof. Neuman es vor kurzem sagte, als Mode bezeichnen. Mit einer Mode grenzt sich eine Gruppe klar von anderen ab, so wie die Punks sich mit ihren extremen Frisuren und Piercings abgrenzen, oder die Grufties mit ihren schwarzen Klamotten und gefärbten Haaren, wie die Bossanzieher von den Niketrägern. Man zeigt, wer man oder frau ist in der Mode, die man mitmacht und an der man oder frau auch gegenüber Widerständen festhält. Und je mehr gegen Kopftücher gekämpft wird, umso mehr werden auftauchen. Sie sind auch ein Ausdruck von Rebellion in unserer Gesellschaft. Aber wehe, diejenigen, die das Kopftuch als Ausdruck der Unterwerfung unter ihr System deuten, wollen weitere Teile ihrer Vorstellungen durchsetzen etwa im Sinne einer Zwangsheirat.

Einer der stärksten Wünsche von Menschen in unserer westlichen Welt ist der nach einer eigenen sicheren Identität. Zu wissen, wer ich bin, was ich kann, dass ich geachtet und anerkannt bin, dass ich "ich" bin, ist eine Notwendigkeit in unserer individualisierten Welt. Wer diese Sicherheit in sich nicht finden kann, sucht sie etwa durch Anlehnung an Gruppen, auch religiösen Gruppen oder solche mit religiösen Zügen. Der Wunsch, sich seiner sicher zu sein, spiegelt sich in der Wahl der äußeren Zeichen, wo die Identität über die Gruppe definiert wird.

Feuerbach konnte sich damals nicht vorstellen, wie wichtig es einmal für einen Menschen unserer Gesellschaft sein würde, sich überhaupt als Einheit zu erkennen. Für ihn waren es noch bestimmte Eigenschaften, die im Zentrum der Wunscherfüllung standen. Der Begriff der Identität entstand erst durch George Mead Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

Das Menschenbild Feuerbachs

Feuerbachs Sprechen von "dem" Menschen lässt uns fragen, ob hier wirklich die einzelne Person gesehen wird oder Mensch als Abstraktion, als Gattungsbegriff gefasst wird, ob die Frage nicht wichtig ist: wie bin ich Mensch?. Ist nun Religion eine Antwort des einzelnen oder der Gemeinschaft? Sind es nicht so sehr die Gemeinschaften, die sich hier unterscheiden als der einzelne? Und wie ist das heute? Im Zeichen des ausgeprägten Individualismus könnte man nun wohl von der Religion des einzelnen ausgehen, macht ja der Begriff der "Patchwork-Religion" die Runde. Die einzelnen Individuen holen sich für sie wichtige Teile aus unterschiedlichsten Religionen und gestalten daraus eine mehr oder weniger zusammenhängende, mehr oder weniger widerspruchsfreie Deutung ihres Lebens. Doch worauf sie zurückgreifen, was Feuerbach als Religion untersucht, sind zuerst Gemeinschaftsleistungen.

Die Kritik Blochs an Feuerbach, sein Mensch sei der Bourgeois (s. Prinzip Hoffnung, S. 1518), das Individuum, das sich als Gestalter seiner Welt sieht, legt nahe, dass Feuerbachs Philosophie womöglich geeignet sei, die heutigen Phänomene besser zu verstehen als jene der früheren Zeiten, auf die er zurück greift. Denn heute ist diese Vorstellung oder soll ich besser sagen Ideologie? weit verbreitet, ein Grundmythos unserer Gesellschaft.

Dass Feuerbachs "Mensch" jenes von allen sozialen Bezügen abstrahierte Individuum ist, wird deutlich in seinen Vorlesungen (S. 141): "Der Theismus beruht nun gerade aber darauf, dass er die Gattungsbegriffe, wenigstens den Inbegriff derselben, welchen er Gott nennt, als Entstehungsgrund den wirklichen Dingen voraussetzt, dass er das Allgemeine, nicht aus den Individuen, sondern umgekehrt diese aus jenem entspringen lässt."

Die einzelne Person in ihrer ganzen Vagheit (negativ ausgedrückt) oder Offenheit (positiv ausgedrückt), die sich erst noch selbst definieren muss, etabliert ihre Identität und sie tut das auch mit der Religion, mit der bewussten Entscheidung z.B. für eine Religion, für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Gemeinschaft, einer Tradition. Und wer sich dem Theismus zuwendet, definiert sich über eine begrenzte Gruppenzugehörigkeit, die den Anspruch erhebt, für alle zu gelten. Andere definieren sich einfach als Mensch, ohne den Umweg über Götter.

Die Offenheit des Individuum ist ja auch eine der offenen Beziehungen. Nicht nur die eigene Definition bleibt dem einzelnen überlassen, auch die Beziehungen zu anderen, über die man die eigene Identität abgrenzt, bleibt mir überlassen. Und das ist durchaus auch eine bedrohliche Erfahrung.

 

Funktionen der Religion

Man kann drei Hauptfunktionen von Religion nennen. Die erste wäre die Vorstellung von einer kontrollierbaren Natur über den Umweg beeinflussbarer Göttergestalten. Die zweite die der Wunscherfüllung für den einzelnen Menschen, und die dritte die Stützung der Gemeinschaft in ihrer bisherigen Form. Feuerbach kennt Religion als Ausdruck der Staatsmacht, als Mittel zur Aufrechterhaltung der Kontrolle des Staates über seine Untertanen. Als solche erschließt sich ihm die Religion seiner Zeit wie auch im geschichtlichen Rückblick Religion im Ganzen.

Ändern sich die Strukturen von Gemeinschaften, müssen sich auch Religionen dem anpassen, mehr noch als hinsichtlich der Wunscherfüllung der einzelnen. Die Bedürfnisse der Menschen bleiben sich eher gleich, es sind Wünsche nach Schutz und Geborgenheit, Gesundheit, ausreichender Versorgung, guten zwischenmenschliche Beziehungen, Glück: Die individuellen Wege, das zu erreichen mögen zwar verschieden sein, aber die Wünsche selbst finden sich immer wieder. Die Möglichkeiten, diese Wünsche zu erfüllen, sind ebenfalls unterschiedlich und wirken sich auf die Religion aus, wie ich darlegte. Wie sieht es hingegen mit der Kontrolle der Natur und der Stützung der Gemeinschaft aus?

Zur Kontrolle der Natur wenden sich heute Menschen und Gemeinschaften mehr an die Naturwissenschaften und versprechen sich mehr von der Entwicklung neuer Technologien als von der Verehrung der Naturgewalten. Fast nur noch in Grenzbereichen ist hier die Religion zu finden. Die meisten Bauern der westlichen Welt säen und ernten heute ohne Gebete und religiösen Segen. Religiöse Formen des Schlachtens müssen extra vom Gesetzgeber zugelassen werden und stoßen eher auf Unverständnis denn auf breite Zustimmung. Die rituellen Formen von Jagderöffnung und –beendigung leben als erstarrte Traditionalismen weiter und weniger als religiös begründete Abläufe.

Auch in jenen Bereichen, in denen der Mensch als Naturwesen selbst sich der Natur ausgeliefert sieht wie bei der Geburt, bei Sterben und bei Krankheiten, ist die religiöse Einbettung stark zurückgegangen.

 

Die Funktion der Religion als gesellschaftliches Ordnungssystem

Und im gesellschaftlichen Bereich? Hier gewinnt man einen sehr zwiespältigen Eindruck. Einerseits erkennt man ein starkes Streben religiöser Institutionen, ihre Wert- und Normenvorstellungen als verbindliche festzuschreiben und sich dem Staate gegenüber als Ritualhelfer im Krisenfalle anzubieten und unentbehrlich zu machen. Andererseits richten sich Menschen immer weniger an religiös vorgegebenen Lebensformen aus, ist Religion in ihrem Leben abgesehen von Ritualen zu Lebensabschnitten eher bedeutungslos. Die immer wieder aufflackernde Diskussion in Deutschland um gemeinsame Grundwerte, aber auch die Diskussionen um die Einbeziehung von Religion in die europäische Verfassung zeigen eher eine deutliche Distanz zwischen Religion und Gesellschaft als eine tragende Rolle der Religion in der Gemeinschaft.

Die Reaktion der Religionen, die Macht ihrer Götter rationalistisch einzuschränken, sie wie konstitutionelle Monarchen zu behandeln, erklärt Feuerbach für einen verkappten Atheismus. Eine solche Gottesvorstellung spricht die einzelnen nur bedingt an. Man muss sich aber fragen, warum sie sich trotzdem entwickelte. Feuerbach erkennt hier zwar eine Beziehung zur Gesellschaftsform, führt sie aber nicht weiter aus. Seinen Gedanken zu Ende gedacht, würde bedeuten, dass in einer demokratischen oder in seinen Worten "republikanischen" Gesellschaft Götter noch weiter von den Menschen wegrücken oder ganz verschwinden müssten. Nicht in allen westlichen Ländern aber sind Religion und Gesellschaft getrennt. In manchen Gesellschaften wie etwa den skandinavischen Ländern treten aber die etablierten Staatskirchen wenig in Erscheinung, ist das allgemeine Leben gering von religiösen Vorgaben geprägt. In anderen Ländern hingegen wie Irland und den osteuropäischen gibt es Kämpfe um die Macht zwischen religiösen und säkularen Positionen. Versuche in einigen Demokratien, so etwas wie eine Zivilreligion zu etablieren, bleiben Randerscheinungen.

Das Beharrungsvermögen etablierter Religionen hängt zum ersten mit ihrer Institutionalisierung zusammen, zum zweiten mit ihrer Rolle als Ritenlieferanten für die einzelnen, und zum dritten aber auch als jene Kräfte, die in den gesellschaftlichen Diskussionen auf Elemente des Menschlichen über den "homo oeconomicus" hinaus verweisen. Damit treffen sie das Gefühl der einzelnen, die sich nicht bloß als Wirtschaftsfaktoren erleben und nicht nur als solche wahrgenommen werden wollen.

 

Die Wünsche der religiösen Institutionen

Religionen sind auch lebendig, weil es Institutionen gibt, für deren Wünsche ihr Glaube steht. Das, was wir für die Bedeutung von Religion hinsichtlich der einzelnen Individuen sagten, lässt sich auch auf die Institutionen übertragen, die von Religion leben. Für sie ist die Religion noch wichtiger, weil ihr Überleben unmittelbar davon abhängt, dass die von ihnen vertretene Religion geglaubt wird oder wo sie nicht geglaubt wird, dann eine Rolle spielt als Maßstab für das öffentliche Leben. Der Wunsch der Institutionen nach Macht und Geltung spiegelt sich in ihren Glaubensvorstellungen. Unsterblich und allmächtig zu sein ist auch ein Wunsch von Institutionen und ihren Amtsträgern. Es bedarf dazu noch nicht einmal unbedingt vieler Anhänger, wenn es nur gelingt, dieses Streben hinter den Göttern und religiösen Inhalten in den Köpfen aller zu verstecken. Am Islam können wir das so deutlich beobachten wie bei den christlichen Religionen. Deren Institutionen sind fest etabliert, haben mehr oder weniger klare Aufgabenzuweisungen in der europäischen Gesellschaft. Aber immer lässt sich ihre Tendenz zur Grenzüberschreitung erkennen, ihr Streben nach mehr Macht und vor allem nach Allmacht. Im Islam, dessen Institutionen nicht gefestigt sind, können die Allmachtswünsche einzelner Individuen sich noch ungehemmter ausleben und es gelingt ihnen dort immer mal wieder, dass sie Institutionen ins Leben rufen und etablieren, die dann ihr eigenes Beharrungsvermögen entwickeln. Deutlich wird dies auch in den USA, wo es inzwischen der Präsident ist, der sich als religiöse Institution mit entsprechender Allmacht zu etablieren versucht.

Dass es die Wünsche von Institutionen sind, die von ihren Glaubensinhalten gedeckt werden und nicht mehr die Wünsche der einzelnen, stimmt sehr bedenklich. Denn gerade auf dieser Ebene ist der Blick vieler getrübt durch die eigenen noch so rudimentären religiösen Bedürfnisse und auch die Vorstellungen der Gesellschaften, die sich über diese Bedürfnisse religiöser Institutionen nicht im klaren sind und deren Wechselwirkung mit den vertretenen Inhalten nicht erkennen, so wie man zu Feuerbachs Zeiten blind hinsichtlich der Bedürfnisse der einzelnen war. Darauf das Augenmerk zu richten, ist auch unsere Aufgabe, speziell des DFW. Denn da wird leicht verschleiert, was als Motiv hinter vorgetragener Wertebewahrung seitens religiöser Institutionen steckt. Es gilt, Feuerbachs Ansatz über das Individuum hinaus zu erweitern.

Nachfolger Feuerbachs zu sein, indem wir kritisch die Rolle der Religionen im Ganzen der Gesellschaft untersuchen, indem wir darauf hinweisen, dass hier Religion vielfach Selbstzweck ist, Machterhaltung anstrebt und nicht die Sorge für den einzelnen ihr Leben ist, das scheint mir eine lohnende Aufgabe.

Aber Feuerbach selbst sieht Religion nicht per se als schlecht. Die Wünsche der einzelnen, die sich in ihr spiegeln, hält er ja auch für legitim. Halten wir die Wünsche der Institutionen ebenfalls für das?

Nur solange, sie jene wahre Religion vertreten, die Feuerbach am Schluss seiner Vorlesungen uns vor Augen hält.

"Wenn wir nicht mehr ein besseres Leben glauben, sondern wollen, aber nicht vereinzelt, sondern mit vereinigten Kräften wollen, so werden wir auch ein besseres Leben schaffen, so werden wir wenigstens die krassen, himmelschreienden, herzzerreißenden Ungerechtigkeiten und Übelstände, an denen die Menschheit litt, beseitigen. Aber um dieses zu wollen und zu bewirken, müssen wir an die Stelle der Gottesliebe die Menschenliebe als die einzige, wahre Religion setzen, an die Stelle des Gottesglaubens den Glauben des Menschen an sich, an seine Kraft, den Glauben, dass das Schicksal der Menschheit nicht von einem Wesen außer oder über ihr, sondern von ihr selbst abhängt, dass der einzige Teufel des Menschen der Mensch, der rohe, abergläubische, selbstsüchtige, böse Mensch, aber auch der einzige Gott des Menschen der Mensch selbst ist."

Gott nicht im Sinne eines Allmächtigen und Allwissenden, sondern in dem Sinne jenes Wesens, für das es sich lohnt, sich einzusetzen. Und das ist jedes hungernde Kind, jede Frau, die ungewollt gebären muss, jeder Mann, dessen Arbeitskraft ausgebeutet wird, jeder Jugendliche, der nicht weiß, wo er Arbeit und Lebenssinn hernehmen soll. Ziel des Einsatzes ist das menschenwürdige Leben für jeden in einer Natur, die dieses Leben mitträgt.

Darin ist Feuerbach bis heute aktuell.

Renate Bauer, Ludwigshafen